Tombstone zeigt welche Wahrheiten sich hinter der Wahrheit verbergen

Independence Day

Independence Day
2. Juli 1876, Chicago, The Dog and Eyrie Gentlemans Club
„ Wer ist der, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand?“ Hiob, Kapitel 38, Vers 2

Es war nicht leicht, Clive Brookes mit der Nachricht unseres Versagens zu konfrontieren. Zum ersten Mal seit Beginn unserer Zusammenarbeit mußten wir einen Fehlschlag eingestehen.
„Sie haben Andrew Holbrook zurückgelassen.“
Ich nickte.
„Und die letzten Überlebenden seiner Expedition ebenso?“
Wieder konnte ich nur nicken. Mr. Brookes stand auf und ging zum Fenster. Seine Stimme war belegt, als er weiter sprach.
„Ms Bluebird, ich halte sie für eine kompetente Frau. Und in gewissem Sinne sind sie der moralische Kompass dieser kleinen Expedition. Deshalb wollte ich mit Ihnen unter vier Augen über den Ausgang dieser Mission sprechen.“ Er drehte sich um und sein Ausdruck war – müde, angestrengt, als trüge er schwer an der Bürde der Verantwortung. „Können sie mir Ihre Gründe für diese Entscheidung darlegen?“
Ich sammelte mich einen Moment, dann begann ich zu erklären.
„Wir waren am Ende unserer Möglichkeiten. Das wir den ersten Zusammenstoß mit dieser Bestie überlebt hatten, war nichts geringeres als ein Wunder. Mr. Li und Mr. Murdoch waren überzeugt, das Dr. Holbrook selbst für das Erwachen dieser Monster verantwortlich war. Wir – ich – sah einfach keine Möglichkeit, wie wir dieses Ungetüm besiegen könnten.“ Ich hielt inne – es klang selbst in meinen Ohren nach einer Ausrede.
Aber der wahre Grund – das unsere Gruppe innerlich zerstritten war und ich mich selbst in einer tiefen Glaubenskrise befand – konnte ich ihm unmöglich gestehen.
Mr. Brookes rieb sich die Augen. „Ich will ehrlich sein, Ms. Bluebird. Ich bin enttäuscht. Selbst, wenn es so ist wie sie beschreiben und Andrew selbst an seinem Leid schuld ist, haben sie dennoch seine armen Bediensteten dem sicheren Tod überlassen. Aber ich war nicht an Ihrer Stelle, deshalb muss ich Ihre Entscheidung akzeptieren.“ Er setzte sich müde wieder in den Sessel.
„Nun, bevor ich eine besser ausgerüstete Expedition ausheben kann, damit wir uns um diese Monsterechse kümmern können, müssen wir erst einmal den 4.Juli hinter uns bringen. Ich weiß nicht, ob sie schon davon gehört haben, aber die Truppen Ihrer Majestät sind über Kanada wieder in die Vereinigten Staaten einmarschiert. Brooklyn ist wieder in britischer Hand. Wie sie Sich denken können, erhöht das nicht gerade die Sympathie gegenüber Bürgern des Empire, unabhängig davon, wie ich persönlich zu diesem militärischen Abenteuer stehe. Außerdem treiben sich hier in der Stadt gerade diverse sogenannte „Rail-Gangs“ herum, angeheuerte Schlägertruppen der Eisenbahnlinien. Genug der langen Vorrede, ich würde es begrüßen, wenn Sie, Mr. Li und Danny im Vorfeld der Feierlichkeiten ein wenig für Ruhe auf den Straßen sorgen würden. Mein Vertrauen in die hiesigen Gesetzeshüter ist – begrenzt.“
Ich stand auf und strich mein Kleid glatt. „Gut, Mr. Brookes. Ich denke, das sollten wir im Interesse des Gemeinwohls bewältigen können.Ich selbst werde allerdings wohl einige Zeit abwesend sein, da ich mich um einige familiäre Angelegenheiten kümmern muss.“
Mr. Brookes schaute mich einen Moment verwirrt an. „Nun ja, das hat verständlicherweise Vorrang. Allerdings sollten Sie sich noch die Zeit nehmen, den Neuzugang unserer kleinen Expedition kennen zu lernen. Dr. Hatch wird die Rolle unserer medizinischen Versorgung übernehmen. Dr. Caballero hatte einige – philosophische Probleme mit – einigen unserer Mitreisenden.“
„Probleme philosophischer Art?“
„Nun, sagen wir mal, Wundertaten, wandelnde Tote und lebendige Schatten sind nicht jedermanns Sache. Nach meinen Gesprächen mit Dr. Hatch sollte das hoffentlich weniger problematisch sein. In der Heimat gibt es anscheinend einige bemerkenswerte Fortschritte in der Medizin, vor allem in Verbindung mit – weniger menschlichen Subjekten. Vielleicht kann er Ihnen bei Dannys Therapie zur Hand gehen. Wie steht es um ihn?“
Ich suchte nach den richtigen Worten. „Er – also ich – es geht voran.“
Mr. Brookes rieb sich die Augen. „Halten Sie mich auf dem laufenden. Ich muss jetzt einen Brief an die Heimat schicken und die Familie über Andrews Schicksal informieren.“
Diese Pflicht überließ ich gerne Mr. Brookes, auch wenn ich mir über Holbrooks Schicksal keineswegs so sicher war wie er.

Der Doktor ist im Haus

Erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Hatch, Edward Hatch Doktor der Medizin, von den Eastshire-Hatches aus Nottingham. Ms Bluebird bat mich, ein paar Sätze für Ihre Aufzeichnungen zu verfassen. Offensichtlich ist sie so eine Art Archivarin oder Autobiographin für Esquire Brookes, in dessen Dienste ich gerade getreten bin.

Zu meiner Person gibt es wenig interessantes zu berichten. Als Humanmediziner zu einer Zeit großer Entdeckungen und Fortschritte habe ich mich dem Vorantreiben unseres Wissens über die Wirkung chemischer und organischer Verbindungen auf den menschlichen Körper verschrieben. In der alten Heimat ist der Zugang zu den interessantesten Forschungsobjekten streng kontrolliert von Logen und Geheimbünden wie den Templern und den Freimaurern. Deshalb hatte ich mich den Truppen Ihrer Majestät angeschlossen, als diese in die neue Welt aufbrachen. Nicht nur, das ich hoffte, der Einfluss der Logen sei hier geringer, auch die Wirkung des sogenannten „Geistersteins“ au den menschlichen Organismus war nur unzureichend erforscht. Ich hatte im Explorers Magazine und dem Tombstone Epitaph einige sehr interessante, wenn auch zweifelsohne übertriebene Berichte gelesen, die meine Neugier geweckt hatten.
Lassen wir den Schatten der Vergangenheit meine kurze, aber ernüchternde militärische Laufbahn bedecken. Schlussendlich brachten mich meine Irrwege nach Chicago, hier an die Grenze des sogenannten „Wilden Westens“. Und hier fand ich schließlich auch den ersten Lichtblick meiner Odyssee, „Clive Brookes fahrende Antiquitäten und Kulturausstellung“. Die Brookes hatten einen gewisssen Ruf ob Ihrer exzentrischen Hobbies, und Clive hatte nach den Indischen Feldzügen seinen Abschied von der Armee genommen, mit einigen recht kritischen Briefen ob des Vorgehens unserer Truppen im Subkontinent. Ich vermutete hier einen verwandten Geist.
Tatsächlich hatte Mr. Brookes ein offenes Ohr für meine Ideen. Er selber sah sich als eine Art kulturellen Botschafter in den ehemaligen Kolonien, und er hatte eine recht farbenfrohe Truppe von Gefolgsleuten um sich gesammelt. Einige der Geschichten, die er mir über seine Reise hierher und die dazwischenliegenden Ereignissen erzählte, ließen jedenfalls auf wissenschaftlich interessante Fakten schließen. Er legte mir vor allem ans Herz, einen Burschen namens Danny mal eingehend zu untersuchen, ohne mir genauer zu erklären, warum. Er meinte, er wolle mir die Überraschung nicht verderben und gerne mal eine frische Meinung hören.
Nun, mein erstes Zusammentreffen mit dieser illustren Truppe war – ernüchternd. Mr. Brookes hatte sie als eine Art Mischung aus Abenteurern und Exzentrikern beschrieben. Als ich sie zunächst traf, waren sie erst einmal – mürrisch.
Sie schienen vor allem niedergeschlagen wegen irgendeiner Mission, die offensichtlich nicht besonders gut verlaufen war. Ich saß mit Esquire Brookes im Sall des Dog&Eyrie, das nächste, was man in Chicago an einem Herrnclub finden konnte. Die drei gestalten, die den Club betraten, hatten sich zwar kurz umgezogen, aber man sah ihnen die Last der Reise noch an. Ich erkannte dieselben hängenden Schultern und allgemeine Reisemüdigkeit, die man mir selbst bestimmt auch ansah.
Ms Bluebird schien von inneren Zweifeln geplagt, und sie war die Sprecherin der Gruppe. Die beiden anderen Individuen – nun, Winston Li entsprach genau meinem Bild eines amerikanischen Revolverhelden, auch wenn seine Gesichtszüge einen asiatischen Einschlag hatten. Danny – nun, er war ein Rätsel. Von Kopf bis Fuß eingehüllt in Ponchos und Mäntel, trotz der brütenden Julihitze, und diese Maske – ich hatte selten eine solch bizarre Kopfbedeckung gesehen, komplett mit irgendwelchen Linsen, Filtern, Schläuchen, die unter dem Poncho verschwanden. Es war verständlich, das er sich ständig in den Schatten herumdrückte, und es waren kaum Worte aus ihm heraus zu bringen.
Gleich unser erstes Treffen wurde denn auch von - ich nenne es mal – Lokalkolorit unterbrochen. Eine Truppe von 6 Weibsbildern stürmte ohne Vorankündigung in das Dog&Eyrie. Es waren wüste Gestalten, gehüllt in lange Staubmäntel darunter unanständig freizügige Hosen und Hemden. Damit nicht genug, sie trugen Revolver und Peitschen an den Gürteln, wie die örtlichen Vietreiber!
Die Anführerin stolzierte durch den Raum, als gehöre sie hierher.
„Hallo Hallöchen, Ihr Inselbewohner. Meinen Witches ist zu Ohren gekommen, das hier ein paar Union Blue Pfeifen untergekommen sind.“ Ihre Weiber verteilten sich hinter Ihr im Raum. Eine rothaarige, gerade im heiratsfähigen Alter, schritt besonders frech von Tisch zu Tisch und starrte den Gästen grinsend ins Gesicht.
Der Barkeeper räusperte sich. „Hören sie, Miss, das hier ist ein Herrenclub, und das bedeutet, das Ladies hier keine Zutritt haben.“
Das schien die Frauen zu amüsieren. Allgemeines Gelächter ertönte, und die Anführerin trat an die Theke, die Hand an der Peitsche.
„Na dann trifft sich ja gut, das wir keine Ladies sind, Kleiner. Nochmal, wer von den Flaschen hier ist Union Blue?“
Inzwischen war die Rote zu unserem Tisch gekommen und hielt überrascht inne.
„Hey, Angie, du wirst es nicht glauben!“ Sie zeigte auf Danny. „Der elende Iron Dragon Bastler ist hier!“ Dannys Reaktion war schwer zu bestimmen, aber er schien einen Moment zu erstarren. Winston blätterte derweil gemütlich in einem Bündel Papiere, und warf nur ab und zu den Frauen einen abschätzenden Blick zu.
„Wo ist denn Deine kleine Karate-Schlampe? Die hält doch sonst Deine Kette?“ Die Stimmung war kurz vor dem explodieren. Gewalt lag in der Luft, und eine Dunkelheit schien sich über den Raum zu legen, ausgehend von Danny.
Dann zerschnitt Winston Lis Stimme die Stille.
„Jennifer R. Simkins, Körperverletzung, Raubüberfall, ungebührliches Verhalten in der Öffentlichkeit. 25 Dollar.
Angela Simkins, Raub, Diebstahl, Aufruf zum Ungehorsam, Sabotage von Schienenverkehr. 50 Dollar.
Und für den Rest von den Mädels bekomme ich sicher einen Mengenrabatt.“
Seine stahlblauen Augen richteten sich auf Jennifer.
„Und hier steht nichts davon, das ich Euch lebend abliefern muss.“
Einen Moment lang hielt Jennifer dem Blick stand, dann wich sie zurück, die Hand am Revolver.
„Na dann versuch's doch, Kopfgeldjäger. Du bist nicht der erste, der den Preis kassieren will.“
Füsse scharrten, Stühle kratzten über den Boden, als sich die restlichen Gäste aus der Schusslinie bewegten.
Mr Brookes Hand legte sich unter dem Tisch auf Lis Unterarm. „Nicht hier, Mr. Li.“ flüsterte er aus dem Mundwinkel. Kein Schiesserei hier im Club.“
„Wenn es sich vermeiden lässt.“ Gemächlich stand er vom Tisch auf und öffnete den Mantel. Von Danny erklang ein merwürdiges mechanisches Klicken, als sich irgendetwas unter dem Poncho bewegte.
Die Anführerin der Witches legte Ihr Hand auf die Schulter der Rothaarigen. „Angie, deswegen sind wir nicht hier. Wir haben noch was zu tun.“
„Aber er-“
„Wir gehen, Angie. Jetzt.“ Einen Moment lang starrte Sie Ihre Schwester haßerfüllt an, dann wieder auf uns. „Also gut, ein andermal, Kopfgeldjäger. Und du ebenso, Danny Boy. Du hast mindestens ein Dutzend von uns auf dem Gewissen. Die Wichitia Witches begleichen Ihre Rechungen. Immer!“
Mit diesen Worten zogen Sie sich zurück. Die Erleichterung im Raum war spürbar.
„Gut gelöst, Mr. Li. Auch wenn wir Glück hatten, das Ihre Anführerin wohl etwas vernünftiger ist als der durchschnittliche Bandit.“ Mr Brookes stand auf. „Genau so sollten sie mit Ärger in den nächsten Tagen umgehen. Diese Stadt ist ein Pulverfass, und jegliche Provokation kann Sie zur Explosion bringen. Ich werde jetzt mit Ms Bluebird die detaillierten Probleme bei Ihrer Mission durchgehen. Danny, wir müssen bei Gelegenheit Ihre Vergangenheit mit den Witches erörten.“
Dannys Maske bewegte sich mit einem trockenen Quietschen zu Brookes.
„Gibt nicht viel zu sagen. Sie haben meinen Zug überfallen. Ich hab Sie dafür bluten lassen. Ende der Geschichte.“
Mr. Brookes zögerte und warf Ms Bluebird einen fragenden Blick zu. „Wie gesagt, wir sollten das später erörtern. Ms Bluebird?“ Sie nickte und schloss sich Mr Brookes auf dem Weg nach oben an.
Li zündete sich eine weitere Zigarre an und blickte durch den Raum.
„Der Bursche da“, murmelte er aus dem Mundwinkel, „ist auffällig erleichtert, das die Mädels weg sind.“ Er deutete auf einen recht dandyhaft herausgeputzten Gentleman, auf dessen Schoß eine asiatische Schönheit saß. Tatsächlich gewann sein Gesicht gerade erst wieder an Farbe. „Ic hwerd ihm mal ein paar Fragen stellen.“
„Sollten wir nicht-“ begann ich, aber Li war schon an der Seite des Pärchens. Mt einem merkwürdigen Hopser richtete sich auch Danny auf und – stakste, ich kann es nicht anders beschreiben – die Treppe herauf. Ich blickte mich verwirrt um. „Äh, dann, warte ich wohl hier.“
Der Dandy hatte offensichtlich keinerlei Lust auf eine Unterhaltung und verließ beinahe fluchtartig den Club. Li und die junge Dame wechselten noch einige Worte, anscheinend in der Heimatsprache der Aisatin.
Dann verschwanden sie beide auf Ihre Zimmer, und ich saß alleine im Gastraum.
„Das ist eine – interessante Einführung.“ Ich bestellte mir einen Sherry und erwartete die Rückkehr meiner neuen Reisegefährten. Und wartete. Und wartete. Nach zwei Stunden und meinem dritten Sherry kam jemand die Treppe herunter. Erwartungsvoll sah ich auf, und wurde mit dem Anblick einer taumelnden Gestalt in einem ehemals teuren Anzug belohnt. Der Bursche war offensichtlich schon nah an seinem Limit, sein linker Arm war mit einem Verband eingehüllt, der unter seinem Hemd hervorlugte.

Sein unsteter Blick fand mich, und er setzte ein unstetes Lächeln auf. „N'Abend, Sir. Clayton Mansfield mein Name. Sie würden nicht zufällig einem Veteranen einen Drink ausgeben?“
Ich zuckte mit den Schultern. Mr. Brookes hatte uns alle Verpflegung freigestellt, und inzwischen war ich so gelangweilt, das selbst dieser Trunkenbold eine interessante Abwechslung war.
„Aber gerne, Mr. Clayton. Hatch ist mein Name, Andrew Hatch. Veteran, sagten Sie? Welcher Krieg, wenn ich fragen darf?“
Er brauchte seinen ersten Drink, bevor er sich öffnete. Mr. Mansfield war wohl eines der Opfer des nunmehr beinahe 10 Jahre andauernden Bürgerkrieges, ein Mann, der zu viel Leid und Tot gesehen hatte. Er suchte nun vergessen in Alkohol und anderen sinnvernebelnden Drogen. Als er mich verließ, war er auf der Suche nach etwas, das er Yellow Candy nannte.
Der Barkeeper klärte mich auf.
„Yellow Candy ist das neue Zeug, das die Chinesen aus dem Westen ranschaffen. Als ob Opium nicht mies genug wäre, dieses Zeug ist so billig, das es sich jeder Viehtreiber leisten kann. Manchmal verschenken sie's sogar, oder schmeißen es in die Drinks, wenn Leute nicht hinsehen. Und wer einmal Candy hatte, will nichts anderes mehr. Macht einen angeblich völlig furchtlos. Also, pass auf, wenn Dir irgend ein Chink was andrehen will. Die Chancen sind 50/50, dasYellow Candy drin ist.“
Welch erquickende Aussichten – Eisenbahnschläger, ein Fest zur Feier unserer Niederlage gegen die Einheimischen und eine neue Droge auf dem Markt. Die Gerüchte über die exzentrischen Abenteuer der Brookes waren keineswegs übertrieben....

East vs. West – Winston Li

Ich ließ mir den Abend in der Badewanne nochmal durch den Kopf gehen, zusammen mit zwei Fingern Whiskey und einer guten Cohiba. Man konnte sich an so ein Stadtleben gewöhnen.
Nicht , das es hier weniger Ärger geben würde als im Westen. Aber der Ärger war – irgendwie netter anzusehen als in der Prärie.
Kaum zurück aus den Fängen dieser verdammten Riesenechsen gab es hier gleich zwei gefährliche, aber interessante Misses. Jennifer R. Simkins, eine Wichita Witch, eine echte Eisenbahnsoldatin. Aber im Gegensatz zum normalen Abschaum schien sie ziemlich vernünftig zu sein, so wie sie Ihre kleine Schwester zurück pfiff, bevor es wirklichen Ärger gab. Ein schlaues Mädchen.
Und Suzie Wong, ein arbeitendes Mädchen, aber eine mit Klasse. Und sie hatte einige Geheimnisse. Ich weiß immer noch nicht, was das mit diesem Roten Lotus sollte, aber sie hat mir einen echten Dämonenjäger hier in Chinatown empfohlen. Es wurde Zeit, ein wenig aufzurüsten. Seit ich mit Bluebird und Danny unterwegs war, traf ich deutlich zu viele Biester, die meinen üblichen Argumenten Kaliber 45 gegenüber unzugänglich waren. Meine Ma, Gott hab sie selig, hatte immer diese lustigen Schriftzeichenfähnchen an unsere Fenster und Türen gehängt. Daddy wollte sie mal wegmachen zum vierten Juli und stattdessen Girlanden aufhängen. Niemals hatte ich meine Ma so wütend gesehen. Normalerweise war sie diese kleine, liebenswürdige Lady, die nichts aus der Ruhe bringen konnte und Dad alle Wünsche von den Augen ablas. Aber diese Fähnchen waren Ihr so wichtig, das Sie Dad dermaßen zusammen brüllte, das er den Schwanz einzog und alles eigenhändig wieder aufhing. Wenn meine Ma dermaßen an die Dinger glaubte, musste da was dran sein. Als ich sie fragte, nannte sie es „Shinto-Magie“. Mal sehen, ob ich mir nicht eine Dosis Shinto besorgen konnte, um mir zwischen den Heiligen und Dämonen in meinem Umfeld etwas Gehör zu verschaffen.

Aber erstmal wurde es Zeit für einen kleine Rundgang durch's Viertel. Ich war wohl kurz eingenickt, denn es ging schon auf Mitternacht zu, als ich runter ging. Danny und der neue Doc warteten unten, an getrennten Tischen. Konnte ich dem neuen Doc nicht verdenken – Danny war nicht gerade der Gesellschaftertyp.

„Ok, Danny, Hatch, wird Zeit, das wir mal ein bisschen Präsenz auf der Straße zeigen. Wenn man keinen Ärger haben will, muss man den Jungs zeigen, das man sie im Auge hat.“
Danny, der ohne Stuhl vor dem Tisch hockte wie eine Art ledriges Huhn, wendete mir quietschend den Kopf zu.
„Vergiss es, Li. Wenn ich auf die Straße gehe, mache ich mehr Ärger, als ich vermeide. Ich bleib hier, falls die Witches zurück kommen.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht besser so. Komm, Hatch, ich erklär Dir, wie man im Westen solche Sachen angeht.“
Wir traten auf die Straße, und ich ließ meinen Blick über die verwaisten Stände streifen. Nur noch wenige Trunkenbolde und arbeitende Mädchen waren unterwegs.
„Also, wenn Du mit Brookes und uns unterwegs bist, darfst Du Dich von nichts aus der Bahn werfen lassen. Seit ich bei der Truppe bin habe ich Riesenwölfe, lebende Schatten, blutsaugende Rattenmenschen und dampflokgroße Eidechsen gesehen. Und das sind nur die Sachen auf der anderen Seite deiner Flinte. Deine Kumpels sind entweder im Namen Gottes unterwegs oder von Satan verdammte Seelen, die 'nen abgerissenen Arm wegstecken wie andere einen abgebrochenen Fingernagel. Also halt Dich an mich, ich bin der einzig normale hier.“ Ich weiss nicht, wie Hatch das ganze aufnahm, aber bevor wir das ausdiskutieren konnten, hörte ich das Knallen einer Peitsche und das irre Gackern von Angie Simkins.
„Dazu später mehr, Hatch. Da vorne wartet Arbeit auf uns.

Edward Hatch

Nachdem ich nun überzeugt war, das Li entweder noch betrunken oder ein Opfer schwerer Sinnestäuschungen war, freute ich mich nicht unbedingt darauf, ihn bei seiner nächsten Konfrontation mit den Wichita Witches zu begleiten.
Zu meiner überschaubaren Überraschung hatte die rothaarige Angie ein neues Opfer gefunden, einen in eine Art weißen Pyjama gekleideten Chinesen.
„Du willst also in unserer schönen Stadt deine elenden Drogen verticken, Chink? Dafür wirst Du bluten!“ Angie liess Ihre Peitsche kurz an dem Chinesen vorbeiknallen, der seine Augen geschlossen hielt und seine Hände or dem Körper verschränkte.
Li erregte Ihre Aufmerksamkeit recht effektiv durch einen Schuss in die Luft.
„Angie, das hatten wir doch schon, oder? Keinen Ärger auf meinen Straßen, sonst wanderst Du ein.“ Die Furie wirbelte zu uns herum.
„Willst Du jetzt auch noch einen verdammten Candy-Dealer in Schutz nehmen? Erst diesen irren Bombenleger Danny, jetzt noch einen Chink? Bist Du weich in der Birne?“ Die Fäuste der Wilden kneteten Ihre Peitsche, als wolle sie etwas erwürgen. Das Knirschen klang wie eine sterbende Katze.
Li legte das rauchende Gewehr über die Schulter und nahm die Zigarre aus dem Mundwinkel. Er deutete mit dem Stengel auf sie.
„Ich glaube, man muss Dir mal Manieren beibringen, Kleine. Ich besorge gerne das versohlen, aber erst nach dem Vierten. Und Du“ Er deutete auf den Chinesen, der weiterhin in Trance zu sein schien. „Ho don wei do chai shi“ (oder so ähnlich. Li erklärte mir später, das das „Keine Drogen in meinen Strassen“ hiess). Die Augen des Chinesen öffneten sich ruckartig. Er verbeugte sich schnell, dann drehte er sich um und ging.
„So einfach kommst Du mir nicht davon, Chink!“ Angie ließ Ihre Peitsche ausrollen, aber als sie zum Hieb ansetzte, wurde sie nach hinten gerissen. Ihre Schwester hatte die Peitsche gefangen und um Ihr Sattelhorn geschlungen.
„Angie, wir wollen doch dem guten Mr. Li keinen Grund geben, Dich zu verhaften.“ Sie blickte zu uns herüber. „Hier ist nichts passiert, nur eine kleine Meinungsverschiedenheit. Nicht wahr?“
Winston steckte die Zigarre wieder in den Mundwinkel. „Hab nichts anderes gesehen. Und jetzt ist es doch bestimmt Zeit für's Bett, nicht wahr? Wir wollen doch morgen alle zeitig aufstehen, Mädels.“
Angelas Augen brannten in einem Feuer, das ich noch nie gesehen hatte. „Eines Tages kommt meine Schwester nicht, um Deinen Arsch zu retten, Li. Eines Tages...“
„Kann's kaum erwarten, Angie.“ Er klopfte mir auf die Schulter. „Komm, wir müssen unsere Runde beenden. Ma'am“ er zog den Hut vor Jennifer, dann schritt er davon.
„Und so bewahren Sie den Frieden? Mit Drohungen?“ Ich war zugegebener maßen irritiert.
„Hat doch geklappt, oder? Solange allen hier klar ist, das ich nicht bluffe, werden Sie ruhig bleiben. Ich weiß nicht, was die Witches vorhaben, aber ein Feuergefecht auf der Straße würde es Ihnen auf jeden Fall versauen, ob sie den kürzeren ziehen oder nicht. Bleibt nur abzuwarten, was Ihr Endspiel ist – oder besser noch, wir finden es raus, bevor sie es erreichen.“

Mitternacht – und die Hölle bricht los

Der Rest der Patrouille verlief dann tatsächlich ruhig, abgesehen von irgendeiner besessenen Abstinenzlerin, die mit Flugsendungen und so einem albernen Sandwichplakat herumlief und uns als Söhne Satans bezeichnete, weil wir nicht dem Alkohol abschwören wollten. Das Grauen erreichte uns in unseren eigenen vier Wänden.
Als wir wieder in das Dog & Eyrie kamen, wo uns Danny eine ereignislose Stunde bestätigte, wurden wir von einem grauenhaften Schrei aus unseren Gedanken gerissen. Der Schrei verstummte abrupt, aber da waren Danny, Li und ich bereits auf dem Weg nach oben, von wo der Schrei ertönt war. Schnell erreichten wir die Quelle des Lärms, das Zimmer von Suzie Wong. Der Anblick darin warf mich zurück in die unsäglichen Lazarette, aus denen ich eigentlich entkommen wollte.
866 während der Schlacht von Detroit, wars ich in einem Feldhospital, und die Verwundeten kamen am Fließband.
Als ich grade den Arm eines jungen Mannes zusammen geflickt hatte, drang Lärm vom Triagezelt zu mir. Es war eine heiße Nacht, so wie es heute würde, und obwohl es fast ein Jahr her ist, erinnerst Ich mich daran, als wäre es gestern.
Ich gab meine Nadel an eine der Schwestern um zu sehen, was der Aufstand denn soll. Zunächst dachte ich, der Feind hätte uns flankiert und würde nachts attackieren. Die Wahrheit war um vieles Schlimmer.
Ein Schlächter in der Kleidung eines Chirurgen hatte sich durch die Verwundeten gehackt, und links und rechts gesunde Gliedmaßen amputiert. Keine Betäubung, keine Kugel zum drauf beißen – ein schneller Schnitt, und Arm oder Bein waren fort. In manchen Fällen Köpfe.
Ein junger Bursche namens Ketchum hatte ihn bemerkt. Er war selbst beinahe tot, aber die Schreie der Opfer hatten Ihn geweckt.
Die Wachen draußen hatten die Schreie ignoriert. Wenn Du den Verwundeten eine Weile zuhörst, fängt man an, Ihre Schreie zu ignorieren.
Ketchum auf jeden Fall schnappte sich sein Schießeisen und pumpte den Schlächter voller Blei. Die Schüsse alarmierten die Wachen endlich.
Als die Wachen kamen, sahen Sie den Schlächter über Ketchum stehen, der immer noch seine leere Pistole abfeuerte, obwohl sein rechtes Auge auf dem Skalpell des Schlächters aufgespießt war.
Mit einem Irren Lachen verschwand der Schlächter, so schnell wie ein Pferd, und schnitt sich einfach durch die Zeltwände, bevor er wie eine Spinne die Seiten eines Hauses herauflief. Keine der Kugeln schien Ihn auch nur irgendwie zu stören.

Die Wunden des Opfers sehen genauso aus wie die damals in Detroit. Der Schlächter hat mich eingeholt.

Der Rest der Szene wird mir erst später bewusst. Die Arme Suzie, bewusstlos, aber körperlich nahezu unversehrt. Eine zerschmetterte Fensterscheibe. Und überall Blut. 

Danny

War ja klar. Da hält man sich von jeglichem Ärger fern, kommt der Ärger zu einem Und das nicht genug, jetzt erwartet Brookes allen Ernstes, das wir Detektiv spielen! Einen Mord aufklären, und ja keinen Staub aufwirbeln! Bullshit, sage ich. Ich glaube, es wird Zeit, dieses „Arbeitsverhältnis“ mal zu überdenken. Brookes fällt mir zu sehr auf seine Kolonialattitüden zurück, und das brauch ich nun wirklich nicht.

Also ein neuer Psychokiller. Einer, der in Sekunden ganze Körperteile abschneiden kann. Und durch ein geschlossenes Fenster springt, ohne sich zu verletzen. Die Fußspuren sind beeindruckend. Der Bursche ist groß, schwer und schnell. Sie führen die Gasse entlang auf die Mainstreet und verschwinden da in hunderten von Wagen und Fußspuren. Gegenüber ist eine Kaschemme namens Cowtown Saloon, vielleicht war da noch jemand unterwegs. Davor liegt auf jeden Fall noch eine Schnapsleiche. Ein Wohnhaus hat er auch passiert, aber die Befragung soll lieber Li durchführen. Also setze ich mich lieber wieder in den „Club“.

Da erdreistet sich doch Brookes tatsächlich, mir schon wieder auf die Eier zu gehen! Warum ich denn so passiv wäre, ob ich denn so gar nicht an meiner Erlösung arbeiten wolle. Überhaupt, das auch alle anderen sich schon Sorgen machen würden.

Sorgen – als wüßte der, was Sorgen heißen! Dieses verdammte Amulett macht mich so stumpf! Ich weiß, es wäre kein Problem, einen spektralen animierten Hemo-Schnüffler in meine Maske einzubauen. Ich WEISS es! Aber in meinem Schädel tut sich nichts. Ich weiß, die Ideen sind nur kurz hinter diesem Schleier, aber sie wollen nicht raus kommen.

Sind etwas alle meine Erfindungen nur das Werk dieses verdammten Dämons? Habe ich selber NICHTS erschaffen? Und wer sagt überhaupt, das es ein Dämon ist. Doch nur Bluebird und ihre elende Kirche. Vielleicht ist es ja nur ein Teil von mir, so eine Art Totem? Ein Schutzgeist? Nur, weil die Kirchenaffen sie nicht verstehen, müssen Sie denn gleich „böse“ sein?

Und vielleicht wird er nur aggressiv wegen diesem Amulett? Unterdrücke ich etwa einen Teil von mir? Einen Teil, der mich zu etwas wirklich besonderem macht? Und mal im Ernst, hat es irgendetwas gemacht, das ich nicht auch gewollt hätte? Ich muss diese andere Seite von mir erforschen. Ich MUSS wissen, was hinter dem Schleier ist. Nur dann kann ich es benutzen.

Ich stelle mich vor den Spiegel. Die Maske schaut daraus hervor. Aber ist es eine Maske? Oder ist es mein wahres Gesicht, und darunter ist die Maske. Ich betrachte meine silberne Klaue. Solche Perfektion. Ich hebe meine linkes Bein und halte es neben meine Klaue. Die Krallen sind ähnlich. Ich kann jetzt problemlos auf einem Bein stehen, solange ich will. Eine eindeutige Verbesserung. War der Tod vielleicht nur ein – Erwachen?

Entschlossen packe ich das Amulett und ziehe es über den Kopf. Ich taumle kurz, irgendwo ertönen weit weg Schüsse. Ideen, Diagramme, Zeichnungen schießen mir durch den Kopf. Vor mir auf dem Tisch liegt ein Plan. Der Hämospüraufsatz für meine Maske. Mit Direktanschluss in meine Nebenhöhlen, nur wenige Schnitte und Schläche werden nötig sein. Er ist perfekt.

Ich blicke in den Spiegel, und schaue aus dem Spiegel heraus. Mein Spiegelbild legt den Kopf schief.

„Du wolltest reden?“

Winston Li

Unsere Nachforschungen enden in einer Sackgasse nach der anderen. Suzy ist nicht ansprechbar. Dr. Hatch hat sie kurz mit irgendeinem Mittelchen aus der Ohnmacht erweckt, aber Ihre Aussage hat uns nicht weitergebracht. Der Typ ist durch die Tür gekommen, und war monströs groß. Er trug eine weiße Maske und einen weißen Mantel, sollte also auffallen wie ein verdammter Wasserbüffel in einer Broncoherde, aber niemand hat ihn gesehen, nachdem er auf die Main Street ist. Kein Trunkenbold, kein Candyhead. Die Familie nebenan hat ihn vorbeirennen sehen, aber danach hat er sich anscheinend in Luft aufgelöst.

Der einzige, der außer uns noch auf dem Stockwerk da oben wohnt, ist dieser Trunkenbold Clayton. Hatch sagt, der Typ hat ein Kriegstrauma, und der Wirt meint, er säuft ständig und benebelt sich die Sinne mit Yellow Candy, wann immer er kann. Also wahrscheinlich auch ein nutzloser Zeuge, wenn wir ihn denn finden können.

Was ich stattdessen finde, ist Angie Simkins. Und den Chinesen von gestern den sie durch die Straßen peitscht. Verdammt nochmal. Und die anderen WItches schauen zu. Was haben sie bloß gegen diesen Kerl?

„Hey!“ Wieder spricht meine Flinte, damit ich Ihre Aufmerksamkeit kriege. Das wird zur Gewohnheit. „Sofort aufhören! Was soll das hier?“
Angie schaut mich an und lächelt zuckersüß. „Aber Mr. Kopfgeldjäger, das hier ist nur Selbstverteidigung. Der Chinese hat mich angegriffen, nachdem ich sein gelbes Gift nicht nehmen wollte. Nicht wahr, Schwester?“

Jennifer scheint zwar nicht besonders amüsiert, aber sie nickt. „Jepp, Mr. Li, er hat sie angegriffen. Und sie werden NIEMANDEN finden, der etwas anderes sagt.“ Ihre Hand liegt zur Unterstreichung Ihres Arguments auf dem Griff Ihrer Peitsche, Ihre Spießgesellinnen schauen die umstehende Menge herausfordernd an.

Der Chinese ist zusammen gebrochen. Dr. Hatch und – Clayton – eilen zu ihm, um nach seinen Wunden zu sehen. Der Trunkenbold stellt sich überraschend geschickt an.

Ich wende mich wieder Angie zu, die grinst wie ne Katze, die den Kanarienvogel verschluckt hat.

„Außerdem hat er wieder das böse böse Gift verteilt, und das wolltest Du doch nicht, oder, Li? Ich hab Dir also ‚nen Gefallen getan.“ Und jetzt entschuldige mich, es sieht so aus, als wolle er wieder aufstehen.“ Sie rollt Ihre Peitsche aus und dreht sich wieder zu Ihrem Opfer.
„He Ihr da, geht besser aus dem Weg. Ich kann zwar mit der Peitsche umgehen, aber wenn Ihr so nah an ihm dran steht…“
Hatch blickt sie erst irritiert, dann entschlossen an. Er steht auf und stellt sich zwischen Sie und den Verletzten.
„Das muss jetzt aufhören. Der Mann ist für niemanden eine Gefahr, und er braucht Hilfe. Hören Sie auf mit dieser Farce!“
„Ich soll WAS?“ Angie ist puterrot angelaufen. Das wird nicht gut gehen.

„Und außerdem hat er gar kein Candy verkauft! Er mag ein teuflisches Chinese sein, aber er ist einfach nur seinem Tagwerk nachgegangen!“ Ida Mae stellt sich mit Ihrem lächerlichen Sandwichplakat neben den Doc.

„Du vertrocknete Schlampe! Dann kriegst Du’s eben auch ab! Und der Azt, und der Säufer, Ihr alle! Hört Ihr Mädels, wir-„ Zwei der WItches packen Angie an den Armen und zerren Sie weg. „Ich krieg Euch alle! Ich wird Euch die Haut von den Knochen schälen! Ihr seid tot! TOT!“ Die Witches schleppen Sie in die Menge. Jennifer seufzt, dann zuckt sie mit den Schultern und schaut mich müde an.

„Familie, eh. Kann man sich nicht aussuchen.“ Dann wendet sie Ihr Pferd und trottet Ihrer keifenden Schwester nach.

Dr. Hatch

Wo war ich da nur hineingeraten. Danny, der anatomisch gewiss interessanteste der Gruppe, lehnte jede Kooperation ab. Li ergoss sich weiter in wilden Geschichten, was für Monstren sie schon begegnet sein wollten. Als wir dann in der Apotheke diverse Raubtierzähne inspizierten, war er überrascht, das es durchaus schon im Bereich des möglichen war, solche bei Menschen zu implantieren. Zwar hatte ich selbst noch bei keiner solchen Operation teilgenommen, aber ich hatte mal eine Tinktur zum Nachwachsen von Zähnen hergestellt, die leider unabsichtlich ganz ähnliche Resultate hervorbrachte.

Nun stand ich da, mit einem schwer verwundeten Drogenhändler und einem nach Alkohol und Yellow Candy stinkenden Arzt. Zum Glück hatte ich bei einem irischen Bauernaufstand einige Erfahrung mit Peitschenhieben und deren Behandlung gesammelt und noch die eine oder andere Tinktur dafür im Täschchen, so das ich den guten Mann schnell wieder auf den Beinen hatte.

Er dankte dann noch Li und mir für unsere Hilfe und versprach uns, der eiserne Drache würde sich jetzt um das Problem mit den WItches kümmern.

Das wiederum klang doch etwas ominös…

Nach dem Zwischenfall mit den Witches und dem Chinesen verschwand Li dann auch, um einer Spur in Chinatown nachzugehen. Ich hoffte, er würde diese Sache mit dem eisernen Drachen glatt bügeln, denn nach Deeskalation hatte das nicht geklungen, auch wenn der Chinese äußerst sanftmütig gesprochen hatte.

Und damit war ich dann prompt wieder allein. Ms Bluebird glänzte durch Abwesenheit, Li in Chinatown, und Danny führte in seinem Zimmer Selbstgespräche. Mr. Brookes war bei einem Geschäftsessen, und als die Nacht voranschritt und weder Li noch Danny nach unten kamen, wurde es mir etwas mulmig.

Ich dachte nicht einmal daran, ohne einen der beiden auf Patrouille zu gehen. Ich mache mir keine Illusionen ob meiner Erscheinung. Ich mag als seriös gelten, Respekt einflössend bin ich gewiss nicht. Zumindest nicht auf die Art und Weise, wie eine raue Stadt wie diese es braucht. Die Zeiger tickten, und der billige Sherry, der hier ausgeschenkt wurde, tat meinem Magen nichts Gutes. Ich griff mir also eine Lampe und machte mich auf den Weg zum Abort im Hinterhof – gerade rechtzeitig, um Zeuge des zweiten Leichenfundes zu werden. Nur 5 Minuten vorher auf meine Blase gehört, und eventuell hätte ich die Panik und den Menschenauflauf vermeiden können, der sich jetzt innerhalb von Minuten um die kleine Hütte bildete. Wortfetzen flogen mir zu
– Gott, beide Beine
– überall Blut
– eine von den Witches?
– Feinde haben sie ja genug

Als ich mich nach vorne geboxt hatte, erkannte ich im Schein mehrerer Lampen die Handschrift des Schlächters. Kopf und beide Beine chirurgisch präzise abgetrennt, der Rest des Torsos wie eine kaputte Puppe in den Abort geworfen. Der Revolvergurt mit der daran befestigten Peitsche bestätigte die Vermutung der umstehenden. Eine der Wichita Witches. Und ich hatte eine ungute Vorahnung, welche genau…

„Wo ist meine Schwester?“ Ich schäme mich zu gestehen, das ich froh war, Jennifer Simkins Stimme zu hören statt die Ihrer Schwester Angela. Mit Angela wäre jede Hoffnung auf Verhandlung von vorne herein verloren gewesen. „Wo – ist – meine Schwester?“ Sie trieb Ihr Pferd gnadenlos durch die Menge auf das Häuschen – und mich – zu. Ich wollte mich gerade diskret verziehen, als ich gegen eine nackte Männerbrust stieß. Ich wich zurück, und sah mit mit eine Gruppe von 6 muskulösen Chinesen konfrontiert, deren Oberkörper mit Tätowierungen sich windender Schlangen – oder waren es Drachen – bedeckt waren. In Ihren Händen funkelten Hackmesser und Dolche.
„Das nenne ich mieses Timing, Gentleman.“ Der Anführer, ein beinahe glatzköpfiger Bursche von den Ausmassen eines Kleiderschranks, sah mich abfällig an. Hinter mir erklang ein Schrei, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Jennifer hatte Ihre Schwester gefunden.
„Wer hat sie gefunden? Wer hat das getan?“ Ich bin immer wieder begeistert davon, wie schnell Menschenmengen verschwinden können, wenn Ärger in der Luft liegt. Ich wünschte, ich hätte diese Fähigkeit auch erlernt, denn so stand ich plötzlich zwischen einer vor Wut und Trauer halb wahnsinnigen Wichita Witch und einer Iron Dragon Rail Gang, die noch nicht einmal wußten, wie das ganze hier jetzt aussah.
„Du – Doc – was ist hier passiert. Und was stehst Du da bei den Chinks?“
„Ich, ähm, wissen Sie Miss, lassen Sie mich erklären. Ich denke nicht, das diese Herren etwas damit zu tun haben, denn Sie sind ebenso wie ich gerade erst-„
Ein Schuß ertönte, ich weiß nicht woher, und der Schädel des Chinesen neben mir zerplatzte wie eine Melone. Seine Gefährten zögerten nur Sekunden, dann warfen Sie sich Messer schwingend auf die Witches, die ebenfalls Ihre Waffen zogen. Die Schlacht brach los.

Gott muss seine Hand über mich gehalten haben, denn obwohl ich Messer und Kugel um meine Ohren pfeifen hörte, Blut mich besudelte und ich mindestens ein Dutzend Schläge und Tritte einsteckte, schaffte ich es schließlich unter die Veranda. Wahrscheinlich dauerte das ganze Gefecht nur wenige Minuten, aber wie es so ist im Kampf, kam es mir vor wie Stunden. Schließlich ertönten schrille Pfiffe, und eine Gruppe bewaffneter Reiter galloppierte in die Strasse, angeführt von einem bulligen Kerl mit einem Stern an der Jacke. Zurück blieben ein Dutzend Körper, tot oder schwer verwundet, 3 Chinesen, 2 WItches, und 6 Unschuldige, die Gott wohl nicht so liebte wie mich. Angelas Leiche war verschwunden. Anscheinend hatte Jennifer sie nicht zurück lassen wollen, im Gegensatz zu Ihren anderen „Schwestern“.

Ich half, so gut ich konnte, bei der Versorgung der Verletzten, und machte meine Aussage bei den Hilfssherriffs. Ich verschwieg geflissentlich den Auslöser des Kampfes, denn einer Nachforschung der Morde durch den Sherriff würde ein ungünstiges Licht auf Mr. Brookes und mich werfen. Auch den mysteriösen Schützen verschwieg ich. Die Deputies waren denn auch zufrieden mit einer Schlacht zwischen Rail Gangs, wenn auch einer überraschend heftigen.

Wie ich das ganze Mr. Brookes erklären sollte, war eine ganz andere Frage...

Showdown in Deadwood

Die Sonne brennt auf Deadwood hernieder wie der feurige Blick eines zornigen Gottes. Fliegen summen um träge Körper auf der Veranda des Saloons. Das langsame Klipp-Klapp eines einsamen Pferdes hallt dumpf von den wenigen Holzgebäuden zurück, die die Main Street darstellten.
Das Pferd hält vor dem Saloon. Der staubige Reiter steigt schwerfällig und steif ab. Die Dielen knarren und seinen Schritten, als er die Veranda überquert und die Flügeltüren aufstößt.
Er tritt an die Bar, die ein grimmiger, schwartiger Barmann gerade mit einem Tuch abwischt – danach wischt er sich mit demselben Tuch den Schweiß von der Stirn.
„Was darf es sein, Fremder?“
„Whisky. Und eine Auskunft.“
Er schiebt einen Steckbrief über den Tresen, darauf liegt ein Silberdollar.
Der Barkeeper wirft einen desinteressierten Blick auf den Steckbrief, der Dollar verschwindet unter dem Tuch.
„Murdoch, eh? Kann sein, das er hier war. Hat nach jemand gefragt, glaube ich. Einem Priester oder so.“
„Justice. Beaufort T. Justice heißt der Mann, den ich suche.“
Der Reiter wirbelt herum, die Hand am Colt.
In der Tür steht eine hagere, dunkelhaarige Gestalt in einem 50 Dollar Anzug. Am Gürtel baumelt – etwas exzentrisch – eine Grubenlampe. Die Hände ruhen auf den Kolben von zwei versilberten Peacemakern. Der Blick der blauen Augen ist so kalt wie ein Winter in Alaska.
„Aber wer will das wissen?“
„Der Name tut nichts zur Sache, Murdoch. Es gibt einen Preis auf deinen Kopf und ich plane, ihn zu kassieren.“
„Da haben wir wohl ein Problem, mein Freund. Ich habe Reverend Justice nämlich noch nicht gefunden, und in einem Gefängnis werde ich ihn vorerst nicht suchen.“
Das Klicken von zwei Hähnen unterbricht den Dialog.
„Klärt das draußen“, knurrt der Wirt über die beiden Läufe einer Schrotflinte.


Die Sonne steht senkrecht über der Main Street. Murdoch und der Reiter stehen knapp 10 Schritt voneinander entfernt. Während der Fremde am Griff seines Revolvers dreht, mischt Murdoch einen Satz Karten.
„Ich gebe Dir eine letzte Chance, namenloser Fremder. Steig auf Dein Pferd und reite weg. Das hier kann nicht gut für Dich enden.“ Er zieht ein Blatt von 5 Karten und lächelt.
„Gegenangebot, Murdoch. Du ergibst Dich und bekommst einen fairen Prozess. Und ein Jobangebot“ Der fremde hob ein Mantelrevers, und ein bronzener Stern blitzte kurz auf.
Murdochs Lächeln verschwindet.
„Du bist weit weg von zu Hause, Ranger.“
„Es gibt nicht viele Aussteiger in Deiner Branche, Murdoch. Die Wenigen, die es gibt, interessieren uns sehr.“ Der Ranger grinst schief, aber seine Augen bohren sich in die seines Gegners.
„Tut mir leid – ich habe genug vom Verstecken Spielen, Lügen und vertuschen. Ich gehe meinen eigenen Weg.“ Murdoch wirft einen letzten Blick auf sein Blatt, dann verschwinden die Karten.
„Dann soll es so sein.“ Der Ranger wirft einen Blick auf die Kirchturmuhr. „Du kennst unser Motto.“
Murdochs Blick verlässt keine Sekunde den des Rangers.
„Shoot it or recruit it. Ich bin gespannt.“
Die Kirchenglocke beginnt zu schlagen.
Die Blicke der Kontrahenten brennen sich ineinander. Die Hände bewegen sich leicht über die Kolben, lockern die Waffen in den Holstern.
Der zwölfte Glockenschlag wird von donnernden Schüssen verschluckt. Pulverdampf verdeckt nach wenigen Augenblicken die Szenerie. Als er aufsteigt, enthüllt er einen taumelnden Texas Ranger, der sich den linken Arm hält, und eine reglose Gestalt am Boden. Wie zum Hohn steht die Grubenlampe aufrecht neben Murdoch am Boden und flackert in einem bläulichen Licht.
Der Ranger nähert sich vorsichtig, zielt, und leert den Revolver aus nächster Nähe in Murdochs Schädel.
„Schlechte Karten, Wiedergänger.“ presste er hervor, während er seine Waffe nachlud.
„Full House“ hörte er noch, als ein Fächer aus leuchtenden Karten seinen Rechten Arm beinahe aus der Schulter riss. Der Schmerz überwältigte ihn und er verlor das Bewusstsein.


Das Gluckern von Öl erweckte den Ranger aus seiner Bewusstlosigkeit. Er versuchte, sich zu bewegen, aber der Schmerz in seinen Armen raubte ihm fast wieder die Sinne. Murdoch trat in sein Blickfeld, ein leeres Ölfass in den Händen.
„Ich hab's Dir gesagt, Ranger. Was jetzt passiert, geht auf dein Konto.“ Das Ölfass klapperte zu Boden, als Murdoch die Laterne öffnete. Er hielt ein Streichholz an die blaue Flamme, die gierig darauf übersprang.
„Wir sehen uns in der Hölle, Murdoch!“
Das Streichholz flog in einem flachen Bogen auf die Brust des Rangers. In Sekundenschnelle fressen sich blaue Flammen in sein Fleisch.
Murdoch bleibt stehen, bis die Schreie verklingen. Dann hebt er die Flamme wieder in die Laterne und wendet sich ab. „Erst muss ich Justice finden. Dann kann die Hölle kommen.“