Tombstone zeigt welche Wahrheiten sich hinter der Wahrheit verbergen

Diogenes Gesellschaft

Nach langem Diskurs mit diversen Clubmitgliedern haben wir beschlossen, einen Zweig in Deutschland aufzubauen. Die Lage auf dem Festland droht, außer Kontrolle zu geraten, und wir brauchen einige Agenten vor Ort. Nach Durchsicht der Akten habe ich mich auf sechs Individuen konzentriert, deren Tauglichkeit jetzt geprüft werden muss. Jedes von Ihnen ist mit den Kabalen in Berührung gekommen und hat, anstatt den Kopf einzuziehen, bschlossen, den Kampf zu Ihnen zu tragen.

  • Johann Schwartau. Ein ehemaliger Archäologe, der bei den Ausgrabungen seines Vaters in der Nähe von Gizeh Zeuge einer Attacke durch Tot-Amon wurde. Der Junge musste zusehen, wie sein Vater von den Untoten erwürgt wurde, aber statt hilflos dabei zu stehen, griff er sich eine Fackel und attackierte die Leichname. Dabei steckte er versehentlich das Lager in Brand und erlitt schwerste Verbrennungen, konnte die Wesen aber zurück treiben. Die örtlichen Ripper der Loge von Alexandria kamen zu spät, um seine Eltern zu retten, aber mittels der Asche Tot-Amons konnten sie große Teile seiner Haut wiederherstellen. Sie bildeten den Jungen zum Ripper aus, und er ist seitdem ein recht zielgerichteter, wenn auch schwer zu kontrollierender Jäger. Vor kurzem ist er zurück nach Württemberg gekommen und hat noch Probleme, sich wieder in der zivilisierten Gesellschaft zurecht zu finden.
  • Fürst Wilhelm von Erbach – Wilhelms Vater war ein erfolgreicher General in Deutschlands frühen Frankreichfeldzügen und hat sich dort leider auch einige Feinde gemacht. Einer dieser Feinde suchte die Hilfe der Kabale, um seine Rache zu verwirklichen. Als einer von Draculas Nachfahren suchte er die von Erbach heim und schlachtete alle bis auf den jungen Wilhelm nach einem Opernbesuch ab. Wilhelm investierte daraufhin den Rest seiner Jugend darin, ein maskierter Rächer zu werden, der unbewusst das Aussehen und Methoden seines Feindes kopierte. Seitdem hat er schon diverse Handlanger de la Croix zur Strecke gebracht, aber das Oberhaupt des Clans ist ihm bis jetzt entwischt.
  • Vater George Stevens ist einer der wenigen Überlebenden der „Blauen Nacht“ des Vatikans, während der in einer der größten Kabaloffensiven der Neuzeit der Heilige Vater selbst angegriffen wurde. Nicht weniger als 100 der anwesenden Bischöfe und Kardinäle wurden von mit langer Hand platzierten Besessenen attackiert. Vater Stevens war einer der Außerwählten, die nicht nur überleben, sondern zurückschlagen konnten. Als Mitglied des Ordens von St. Georg ist er seitdem mit Feuer und Gottesfurcht unterwegs, um die Kabale vom Antlitz der Erde zu wischen.
  • Felix Ganondorf ist einer der Vorreiter der Äther- und Elektrizitätslehre. Eher Theoretiker als Praktiker öffnete er bei einem seiner Versuche zur Raumdilatation versehentlich ein Portal in eine der Vorhöllen und entließ einen Gehörnten in sein Heim, was seine Familie das Leben kostete. Glücklicherweise konnte er den Gehörnten mittels seines tragbaren Blitzwerfers von der Ebene bannen. Seitdem konzentrieren sich seine Forschungen auf den Bereich der Waffentechnologie, um dem Krieg gegen die Kabale die nötige Feuerkraft zu liefern.
  • Hans-Peter Wurst wandte sich erst spät der Wissenschaft zu. In seinen frühen Zwanzigern erfuhr er, das seine Mutter nur deshalb bei seiner Geburt verstarb, weil sein Vater versucht hatte, die Seele seines ungeborenen Kindes für Macht und Reichtum an den Teufel zu verkaufen. Stattdessen endete er mit einem Mensch/Dämonen Hybriden, der verspätete Rache am Mörder seiner Mutter nahm. Seitdem wehrt sich Hans Peter mit den Mitteln der Wissenschaft gegen das Schicksal, das Ihn eher an der Spitze der Höllentruppen denn auf Seiten der Engel sehen würde.

Diese illustre Truppe konnte ich während eines gemütlichen Abendmahls davon überzeugen, das sie gemeinsam deutlich mehr erreichen würden denn als Einzelkämpfer. Die einzige Frage war, ob diese allesamt gestörten Individuen fähig wären, als Gruppe zu agieren und sich auch ungewohnten Herausforderungen zu stellen.

Zum Test dieser Hypothese beschloss ich, sie auf ein überschaubares Problem anzusetzen, allerdings in ungewohnter Umgebung – eine Geistergeschichte im holländischen Königshaus. Dies hatte den Vorteil, das jeder Ausgang der Geschichte dem Empire helfen würde. Ein Erfolg würde uns eine gute Verbindung in den niederländischen Adel verschaffen, eine Niederlage würde eher auf das deutsche Reich, vertreten von Fürst Erbach, zurückfallen, und somit eine Aufnahme Hollands in den Norddeutschen Bund unwahrscheinlicher machen.

Ich bin im Nachhinein froh, das ich unmittelbar nach der Verkündung des Auftrags aufbrach, denn was mir das Personal von dem späteren Verlauf der Nacht berichtete, hätte mich eventuell dazu animiert, die ganze Mission abzubrechen.

Auf dem Rückweg zu Ihren persönlichen Quartieren stießen die neuen Rekruten offensichtlich auf eine Zigeunerin, die sie vor dem „Sohn zweier Väter“ warnte, bevor sie einen zufälligen Passanten als Opfer von Dr. Jekylls Experimenten enttarnte. Die wackeren Recken verfolgten den Missgestalteten und brachten ihn zu Fall, woraufhin er sich in einen harmlosen Buchhalter zurück verwandelte. Da Schüsse gefallen waren, beschlossen sie korrekterweise, Ihn in der Loge weite zu befragen, um komplexe Erklärungen mit den Behörden zu vermeiden.

Von hier ging das ganze allerdings etwas aus dem Ruder. Herr Schwartau, offensichtlich stark Impuls getrieben, wollte dem guten Mann eine Blutprobe entnehmen, um eine tiefere Analyse des Elixirs zu erstellen, das zu seiner Verwandlung geführt hatte. An sich eine gute Idee, allerdings die Exsanguination vor dem Objekt des Versuchs zu diskutieren, führte zu leichter Panik seinerseits. Die Diskussion eskalierte, bis Vater Stevens schließlich handfeste Maßnahmen ergriff, Herrn Schwartau hinterrücks niederstreckte und ihn in eine Verhörzelle steckte, während Fürst von Erbach den Buchalter nach Hause eskortierte.

Damit nicht genug. Offensichtlich ist Gefangennahm eine extreme Stresssituation für Herrn Schwartau, der daraufhin mit der konsequenten Dekonstruktion der Zelle begann. Herr Ganondorf, abgestellt zur Beobachtung von Herrn Schwartau durch die verspiegelte Panzerglasscheibe (ein Produkt aus den Werkstätten Professor Teslas), konnte er nicht umhin, diverse Ruhigstellungsfunktionen der Zelle zu testen. Zum Glück sah er davon ab, sie zu fluten, aber die Schlafgasfunktion erfüllte Ihren Zweck vorbildlich.

Das alles führte dazu, das Herr Schwartau keinerlei Reisevorbereitungen treffen konnte und quasi mit einem verknitterten Anzug und geliehener Wechselkleidung aus der Loge die Reise auf der Dorade antrat. Kein guter Start für eine Reise auf einer Mission in fremde Adelshäuser.

Transfer auf der Dorade
Ich will es knapp halten – entgegen meinen expliziten Anweisungen nutzten unsere neuen Rekruten die Reise nicht dazu, sich mit dem niederländischen Königshaus vertraut zu machen, sondern versuchten sich gegenseitig zu diskreditieren. Ich bin wirklich überrascht, das das ganze nicht in einem Duell geendet hat.

Ankunft in Den Haag
Entpsrechend unseren Vorbereitungen wurde die Gruppe denn auch als Gäste empfangen und von der Leibgarde des Königs eskortiert. Wieder wurde diese Gelegenheit genutzt, um interne Konflikte und Probleme zu schüren, indem Fürst von Erbach Herrn Schwartau und die Herren Wurst und Ganondorf als Gesinde deklarierte, was zu Ihrer fälschlichen Unterbringung in den DIesntbotenquartieren führte. Das ganze wurde im Nachhinein als „deutscher Humor“ gerettet, aber der Schaden war getan.
Interessanter als diese infantilen Querelen war ein Zwischenfall bei der Ankunft im Palast. Die Wachen, anscheinend höchst angespannt ob der Vorkommnisse der letzten Tage, schossen auf Befehl von Hauptmann Gent ein Blumenmädchen nieder, das die neuen Gäste begrüßen sollte. Nur dank des beherzten Eingreifens von Vater Stevens konnte die junge Dame gerettet werden. Enttäuschend für mich ist, das diese Episode nicht genutzt wurde, um die Hintergründe dieses doch recht auffälligen Verhaltens zu beleuchten. Es wäre eine exzellente Möglichkeit gewesen, Befragungen hinsichtlich der Ereignisse zu starten, ohne die Integrität der Tarnung zu gefährden. Diesen Punkt werde ich in der Nachbesprechung einfließen lassen.

Zumindest in Präsenz Ihrer Majestät Wilhelmina fanden die Herren denn zu Ihren Umgangsformen zurück und verhielten sich angemessen Ihres Standes. Zur Überraschung der anwesenden erklärte die Königin, das Herr Wurst am Hofe eine gewisse Berühmtheit inne habe, sei die Tochter der Monarchin doch eine große Anhängerin seiner Publikationen. Herr Wurst vereinbarte eine Demonstration seiner Technologie zum Abendmahl, und man zog sich in die Zimmer zurück. Während Herr Wurst mit Unterstützung von Herrn Schwartau einen „Laktosemittel-Applikator inklusive integrierter Cerealien-Produktions-Optimisator und Distributor“, kurz Käsetoastwerfer entwarf, nutzten Herr von Erbach und Vater Stevens die Zeit zur Inspektion der Palastanlagen.

An mehreren Stellen fanden sie „blutige“ Handabdrücke, an denen verzweifelt diverse Bedienstete arbeiteten.

Offensichtlich hinterließ „Das Mädchen“, wie die Bediensteten den Spuk bezeichneten, unweigerlich einen dieser Handabdrücke, der nur schwer zu entfernen war.

Dinner und Technologiepräsentation waren eine voller Erfolg – Prinzessin Wilhelmina wollte Herrn Wurst als Dank einen Ihrer Erbringe schenken, das Ihnen laut Ihren Geflüsterten Worten „Vor dme teufel“ schützen sollte. Aber entsprechend seines Standes lehnte Herr Wurst dieses weitaus zu großzügige Geschenk ab. Zwar machte das die kleine Majestät recht unglücklich, die Mutter wusste aber um die Angemessenheit der Geste. Auch deswegen stimmte sie zu, eine Audienz bei Ihrer Majestät selbst, König Wilhelm dem Ersten, in die Wege zu leiten.

Nächtliche Unruhen

Die erste Übernachtung brachte denn auch den ersten Kontakt mit der Heimsuchung. Herr Schwartau wurde des Nachts am Fenster von einer weißen Gestalt besucht, die ihn in Ihre Umarmung zu locken suchte. Herr Schwartau ließ sich nicht auf solche Alterkationen ein und alarmierte statt dessen den Rest der Gesellschaft. Unglücklicherweise war der Spuk verschwunden, als der Rest der Loge zusammen gerufen war. Einzig ein blutiger Handabdruck verblieb am Fenster.

Ein Analyse dieser Spuren ergab, das es sich mitnichten um Ektoplasma handelte, wie es bei einer Geisterscheinung üblich wäre, sondern um wochenaltes Blut, das unter normalen Umstände schon längst dem Gerinnungsprozess hätte unterliegen müssen und es jetzt verspätet auch tat. Keiner der erfahrenen Geisterjäger konnte mit diesem Indiz etwas anfangen.
Der nächste Tag war geprägt von einer Art Schnitzeljagd auf lokale Erzählungen und Geistergeschichten. Vom Galgenberg über die Sumpfleichen bis hin zu Brudermorden und Inzucht wurden diverse Orte und Personen untersucht, ohne einen irgendwie gearteten Fortschritt zu erzielen.
Der Tag endete schlussendlich im Desaster – bei der Audienz mit König Wilhelm konfrontierten sie ihn mit unbelegbaren Theorien über Geisterangriffe auf sein Haus. Der Monarch, ein bodenständiger und gläubiger Mann, verwarf all diese Ideen und verbat sich weitere Einmischungen in seine Familienangelegenheiten seitens entfernter Verwandter und deren impertinenten Gefolge.

Innerhalb einer Kurzschlussaktion versuchte Herr Wurst, zumindest seinen guten Stand mit Königin und Prinzessin zu nutzen, um eventuell die Härte des Königs abzumildern. Wenn ich den Augenzeugenberichten glauben darf, bin ich mir keineswegs sicher, ob es dort wirklich eine unglaublich Darstellung der Menschlichen Resilienz und elektrischer Übertragungsfähigkeit handelte, oder schlicht um eine katastrophale Fehlfunktion und eine geschickte Überspielung des ganzen von Herrn Schwartau.

Was immer es war, dank dieser erneuten Darstellung konnte man die Königin überzeugen, das Sie und Ihre Tochter die Hergänge des ersten Angriffs in der Umgebung Ihrer Privatbibliothek noch einmal detailliert zu beschreiben.

Das Rätsel der verschlossenen Tür
Mein kleiner Bruder ist ja recht bekannt dafür, diverse sogenannter „Locked Room“ Verbrechen gelöst zu haben, oftmals mit exotischen, aber dennoch meist mundanen Auflösungen. Hier sollte es sich anders verhalten, aber die Grundmittel der Deduktion bleiben dieselben. Was sind die Fakten?
In diesem Falle waren die Fakten das die kleine Mina des Nachts, allein, in dieser Bibliothek las, die Tür von Innen verschlossen, Ihr Leibwächter, der uns bekannt Hauptmann Gent, vor der Tür. Bei Ihrer Lektüre, nach eigenen Angaben eine Märchensammlung der Gebrüder Grimm, wurde sie einer Präsenz gewahr. Das blasse Mädchen Ihr gegenüber schien aus dem Nichts erschienen, und auf Frage nach Ihrem Namen flüsterte die Gestalt nur den der Prinzessin zurück und versuchte, sie zu ergreifen. Die Prinzessin begann daraufhin zu schreien und versuchte, die Gestalt abzuwehren, verlor aber kurz darauf das Bewusstsein.
Hauptmann Gent brach, sobald er die Schreie vernahm, die Tür auf, konnte aber von der Angreiferin nichts finden.

Die Auffälligkeiten dieser Geschichte sind offensichtlich, und nach längerer Diskussion mit Ihren Majestäten kamen die Herren den auch auf des Pudels Kern. Warum ist eine zehnjährige alleine in der Bibliothek eingeschlossen? Offensichtlich hatte sie etwas gelesen,das keinesfalls so harmlos war, wie sie angab. Eine Durchsuchung der Bibliothek enthüllte dann auch schnell ein verborgenes Regal, in dem die heimliche Lektüre der jungen Dame offenbar wurde. „De Vermis Mysteriis“, ein Werk von Ludwig Prinn – Alchemist, Nekromant und angeblicher Magier, der behauptete, ein „wundersames Alter“ erreicht zu haben, bevor er auf der Höhe der Hexenjageden des frühen 16. Jahrhunderts in Brüssel verbrannt wurde.

Hinzu kamen diverse Werke hoher Freimaurer und die äußerst prekäre Korrespondenz einer Dame fragwürdiger Qualitäten mit nicht weniger als drei Mitgliedern des Königshauses, unter Ihnen Ihre Majestät Wilhelm selbst. Diese Person war der Königin tatsächlich bekannt, allerdings als eine Wahnsinnige, die bis vor kurzem versuchte hatte, eine Audienz beim König zu erhalten, zuletzt mit einem verborgenen Messer am Körper. Sei fristet jetzt Ihr Dasein in einem Sanatorium.

Addendum: Da unsere Ermittler dieser Spur nicht nachgegangen sind, habe ich später einige diskrete Nachforschungen einholen können. Diese runden das Bild der Ereignisse ab, sind aber hier nicht weiter von Bedeutung.

Doktor Ganondorf beschloss, das Werk genauer zu untersuchen, um irgendwelche Zusammenhänge mit den Erscheinungen nach zu vollziehen. Man beschloss, am Ort derTat zu verbleiben, um alle Eventualitäten nachzustellen und so möglicherweise den Ereignissen auf die Spur zu kommen. Tatsächlich wurde auch sämtliche Ausrüstung in die kleine ibliothek transportiert, inklusive der ätherischen Blitzwerfer von Herrn Ganondorf, den Repetierpistolen des Fürst von Erbach und dem Flammenwerfer von Vater Stevens.

Die nachfolgenden Ereignisse waren denn auch vorhersehbar, wenn auch nicht in jedem Detail.
Doktor Ganondorf, vertieft in die blasphemischen Beschreibungen Prinns, realisierte ebensowenig die Erscheinung des „Mädchens“ wie die dedizierten abgestellten Wachen. Scheinbar aus dem Boden hervor bildete sich die Gestalt und näherte sich dem Fürst von Erbach, auf den sie sich zu konzentrieren schien.
Aufgrund der Enge des Raumes gelang es dem Fürst nicht, der Gestalt auszuweichen, und landete in den Armen des Mädchens. Herr Ganondorf zögerte nicht lange und elektrisierte die Gestalt mit einem Blitz aus seinem Ätherwerfer. Zwar nahm die Fürst von Erbach in schwere Mitleidenschaft, aber es reichte, um das Wesen zu zwingen, seine Maske abzuwerfen. Die wahre Gestalt des Wesens ist schwer zu beschreiben – am ehesten ähnelt es dem, was Wischenschaftler heutzutage unter den Mikroskopen als Urbausteine des Lebens sehen, protoplasmische Ansammlungen von Zellen und Ganglien, die scheinbar ohne jeglichen Sinn oder erkennbares Ziel umherpeitschen. 



Ziellos war dieses Ding keineswegs, es versuchte sogar recht adamant, Fürst von Erbach in seine Fänge zu bekommen, allerdings wurde jeder, der zu nahe kam, ebenfalls Opfer der peitschenden Extremitäten des Wesen. Schusswaffen schienen wenig Wirkung zu zeigen, wie Fürst von Erbach bewies, als er geschätzte 30 Schuss aus unmittelbarer Nähe in den Leib des Monsters beförderte. Auch die Klauen Herrn Schwartaus und das elektrifizierte Bajonett Herr Wursts zeigten allerhöchsten temporäre Schäden. Auch eine Zerstörung des Buchs, das den Schrecken möglicherweise herbeigerufen hatte, oder ein überschütten mit geheiligtem Wasser zeigten keinerlei Wirkung. Hauptmann Gent kam tapfer zur Hilfe, aber er wurde ein Opfer der würgenden Ganglien.
In höchster Not schließlich, erfasst vom Furor seines Glauensbekenntnisses, badete Vater Stevens das Ding in einem Meer aus Flammen aus seinem Exorzist Mk II. Zwar setzte er damit auch zwangsläufig große Teile der Bibliothek und seiner Gefährten in Brand, allerdings was dies das einzige, was eine Reaktion in dem Wesen hervorrief – unmittelbare Flucht. Gleich seinen protoplasmischen Vorfahren war es dem Wesen möglich, sich durch dünnste Spalten in Fenstern und Mauerwerk zu pressen, was eine Verfolgung nahezu unmöglich machte. Bei dem Versuch, das Biest an der Flucht zu hindern, setzte Vater Stevens noch große Teile des Gartens in Brand.

Schnell erkannte man die Lage, das man nun schlussendlich ohne jeden Beweis übernatürlicher Aktivitäten der Anklage der Brandstiftung gegenüber stehen würde. Also verließen die Ermittler schleunigst den Palast und versteckten sich vorübergehend in den ausufernden Palastgärten. Frustriert ob dem anscheinenden Entkommen der Bestie ließ man nochmals alle Fakten Revue passieren. Auch wenn die Deduktion von einer für mich quälenden Langsamkeit geprägt war, kam man schlussendlich auf den gemeinsamen Fakt aller Angriffe – Geruch nach Pinien kurz vor dem Erscheinen der Gestalt. Aus vorherigem Studieren der Gartenpläne konnte Fürst von Erbach denn auch auf einen einzelnen Pinienhain auf dem Palastgartengelände verweisen.

Ohne zu zögern brachen die Ermittler auf, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Zwischen offensichtlich kranken Bäumen, im Finstern der Nacht, offenbarte sich Ihnen denn auch die Lagerstatt des Wesens. In einem verknoteten Gewirr aus schleimigen Ästen, triefende Wurzeln und schuppigen Extremitäten fand sich eine Öffnung, die etwas obszönes an sich hatte. Und dort, durchtrieben von Sprößlingen und würzen als wären es unzählige, blasphenische Nabelschnüre, wand sich das Wesen, zurück in der Form des Mädchens. Ihre Unschuldigen Augen waren glasig Ihr Bick ins nichts gerichtet.

Das ganze wirkte auf so viele Wissen falsch, das das Niederbrennen des gesamten Hains im Nachhinein nur als Gnade gewertet werden kann.

Abschluss
Wir konnten die Gruppe wieder zurück nach Deutschland schmuggeln, wenn es auch nicht einfach war. Offiziell sucht das Königshaus sie als Brandstifter und Attentäter, worauf der Tod steht. Allerdings ist sich die Königin als auch Ihre Tochter der wahren Tragweite der Aktivitäten bewusst, so das wir dennoch einen Mächtigen Gönner in Den Haag gefunden haben. Es bleibt zu sehen, wie lange Helmut noch an der Macht bleibt.

Zur Vollständigkeit hier unsere Erkenntnisse aufgrund später Ermittlungen. Prinz Viktor, einer der verstossenen Söhne des Königs, war im Zuge seiner Mitgliedschaft bei den Freimaurern wohl in Besitz des „Vermis“ gekommen. Als es denn an der Zeit war, seine Rache gegen seinen Vater und dessen neue Frau zu planen, vollführte er eines der Rituale aus eben diesem Buch. Als wichtigste Ingredienz nutzte er das Blut einer königlichen Tochter – der Tochter eines der Söhne oder Wilhelms selbst, dies ist nicht mehr genau nachzu vollziehen, mit der Prostituierten Jenny Walker. Aufgrund dieses Blutes konnte das Wesen nicht nur menschliche Gestalt annehmen, sondern war auch wie ein Spürhund auf der Sache nach Angehörigen dieser Blutlinie.

Fazit:
Unsere neuen Rekruten haben Ihren Auftrag erfüllt, wenn auch nicht in den vorgesehenen Parametern und gewiss nicht so, wie es sich für Gentleman gehört. Das werde ich bei weiteren Aufträgen für diese Loge in Betracht ziehen müssen. Dennoch, es ist immer gut zu wissen, das man ein Schlachterbeil zur Verfügung hat, auch wenn ein Skalpell zu bevorzugen ist.

Hochachtungsvoll,

Mycroft Holmes, Esquire, Diogenes Society London

Independence Day

Independence Day
2. Juli 1876, Chicago, The Dog and Eyrie Gentlemans Club
„ Wer ist der, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand?“ Hiob, Kapitel 38, Vers 2

Es war nicht leicht, Clive Brookes mit der Nachricht unseres Versagens zu konfrontieren. Zum ersten Mal seit Beginn unserer Zusammenarbeit mußten wir einen Fehlschlag eingestehen.
„Sie haben Andrew Holbrook zurückgelassen.“
Ich nickte.
„Und die letzten Überlebenden seiner Expedition ebenso?“
Wieder konnte ich nur nicken. Mr. Brookes stand auf und ging zum Fenster. Seine Stimme war belegt, als er weiter sprach.
„Ms Bluebird, ich halte sie für eine kompetente Frau. Und in gewissem Sinne sind sie der moralische Kompass dieser kleinen Expedition. Deshalb wollte ich mit Ihnen unter vier Augen über den Ausgang dieser Mission sprechen.“ Er drehte sich um und sein Ausdruck war – müde, angestrengt, als trüge er schwer an der Bürde der Verantwortung. „Können sie mir Ihre Gründe für diese Entscheidung darlegen?“
Ich sammelte mich einen Moment, dann begann ich zu erklären.
„Wir waren am Ende unserer Möglichkeiten. Das wir den ersten Zusammenstoß mit dieser Bestie überlebt hatten, war nichts geringeres als ein Wunder. Mr. Li und Mr. Murdoch waren überzeugt, das Dr. Holbrook selbst für das Erwachen dieser Monster verantwortlich war. Wir – ich – sah einfach keine Möglichkeit, wie wir dieses Ungetüm besiegen könnten.“ Ich hielt inne – es klang selbst in meinen Ohren nach einer Ausrede.
Aber der wahre Grund – das unsere Gruppe innerlich zerstritten war und ich mich selbst in einer tiefen Glaubenskrise befand – konnte ich ihm unmöglich gestehen.
Mr. Brookes rieb sich die Augen. „Ich will ehrlich sein, Ms. Bluebird. Ich bin enttäuscht. Selbst, wenn es so ist wie sie beschreiben und Andrew selbst an seinem Leid schuld ist, haben sie dennoch seine armen Bediensteten dem sicheren Tod überlassen. Aber ich war nicht an Ihrer Stelle, deshalb muss ich Ihre Entscheidung akzeptieren.“ Er setzte sich müde wieder in den Sessel.
„Nun, bevor ich eine besser ausgerüstete Expedition ausheben kann, damit wir uns um diese Monsterechse kümmern können, müssen wir erst einmal den 4.Juli hinter uns bringen. Ich weiß nicht, ob sie schon davon gehört haben, aber die Truppen Ihrer Majestät sind über Kanada wieder in die Vereinigten Staaten einmarschiert. Brooklyn ist wieder in britischer Hand. Wie sie Sich denken können, erhöht das nicht gerade die Sympathie gegenüber Bürgern des Empire, unabhängig davon, wie ich persönlich zu diesem militärischen Abenteuer stehe. Außerdem treiben sich hier in der Stadt gerade diverse sogenannte „Rail-Gangs“ herum, angeheuerte Schlägertruppen der Eisenbahnlinien. Genug der langen Vorrede, ich würde es begrüßen, wenn Sie, Mr. Li und Danny im Vorfeld der Feierlichkeiten ein wenig für Ruhe auf den Straßen sorgen würden. Mein Vertrauen in die hiesigen Gesetzeshüter ist – begrenzt.“
Ich stand auf und strich mein Kleid glatt. „Gut, Mr. Brookes. Ich denke, das sollten wir im Interesse des Gemeinwohls bewältigen können.Ich selbst werde allerdings wohl einige Zeit abwesend sein, da ich mich um einige familiäre Angelegenheiten kümmern muss.“
Mr. Brookes schaute mich einen Moment verwirrt an. „Nun ja, das hat verständlicherweise Vorrang. Allerdings sollten Sie sich noch die Zeit nehmen, den Neuzugang unserer kleinen Expedition kennen zu lernen. Dr. Hatch wird die Rolle unserer medizinischen Versorgung übernehmen. Dr. Caballero hatte einige – philosophische Probleme mit – einigen unserer Mitreisenden.“
„Probleme philosophischer Art?“
„Nun, sagen wir mal, Wundertaten, wandelnde Tote und lebendige Schatten sind nicht jedermanns Sache. Nach meinen Gesprächen mit Dr. Hatch sollte das hoffentlich weniger problematisch sein. In der Heimat gibt es anscheinend einige bemerkenswerte Fortschritte in der Medizin, vor allem in Verbindung mit – weniger menschlichen Subjekten. Vielleicht kann er Ihnen bei Dannys Therapie zur Hand gehen. Wie steht es um ihn?“
Ich suchte nach den richtigen Worten. „Er – also ich – es geht voran.“
Mr. Brookes rieb sich die Augen. „Halten Sie mich auf dem laufenden. Ich muss jetzt einen Brief an die Heimat schicken und die Familie über Andrews Schicksal informieren.“
Diese Pflicht überließ ich gerne Mr. Brookes, auch wenn ich mir über Holbrooks Schicksal keineswegs so sicher war wie er.

Der Doktor ist im Haus

Erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Hatch, Edward Hatch Doktor der Medizin, von den Eastshire-Hatches aus Nottingham. Ms Bluebird bat mich, ein paar Sätze für Ihre Aufzeichnungen zu verfassen. Offensichtlich ist sie so eine Art Archivarin oder Autobiographin für Esquire Brookes, in dessen Dienste ich gerade getreten bin.

Zu meiner Person gibt es wenig interessantes zu berichten. Als Humanmediziner zu einer Zeit großer Entdeckungen und Fortschritte habe ich mich dem Vorantreiben unseres Wissens über die Wirkung chemischer und organischer Verbindungen auf den menschlichen Körper verschrieben. In der alten Heimat ist der Zugang zu den interessantesten Forschungsobjekten streng kontrolliert von Logen und Geheimbünden wie den Templern und den Freimaurern. Deshalb hatte ich mich den Truppen Ihrer Majestät angeschlossen, als diese in die neue Welt aufbrachen. Nicht nur, das ich hoffte, der Einfluss der Logen sei hier geringer, auch die Wirkung des sogenannten „Geistersteins“ au den menschlichen Organismus war nur unzureichend erforscht. Ich hatte im Explorers Magazine und dem Tombstone Epitaph einige sehr interessante, wenn auch zweifelsohne übertriebene Berichte gelesen, die meine Neugier geweckt hatten.
Lassen wir den Schatten der Vergangenheit meine kurze, aber ernüchternde militärische Laufbahn bedecken. Schlussendlich brachten mich meine Irrwege nach Chicago, hier an die Grenze des sogenannten „Wilden Westens“. Und hier fand ich schließlich auch den ersten Lichtblick meiner Odyssee, „Clive Brookes fahrende Antiquitäten und Kulturausstellung“. Die Brookes hatten einen gewisssen Ruf ob Ihrer exzentrischen Hobbies, und Clive hatte nach den Indischen Feldzügen seinen Abschied von der Armee genommen, mit einigen recht kritischen Briefen ob des Vorgehens unserer Truppen im Subkontinent. Ich vermutete hier einen verwandten Geist.
Tatsächlich hatte Mr. Brookes ein offenes Ohr für meine Ideen. Er selber sah sich als eine Art kulturellen Botschafter in den ehemaligen Kolonien, und er hatte eine recht farbenfrohe Truppe von Gefolgsleuten um sich gesammelt. Einige der Geschichten, die er mir über seine Reise hierher und die dazwischenliegenden Ereignissen erzählte, ließen jedenfalls auf wissenschaftlich interessante Fakten schließen. Er legte mir vor allem ans Herz, einen Burschen namens Danny mal eingehend zu untersuchen, ohne mir genauer zu erklären, warum. Er meinte, er wolle mir die Überraschung nicht verderben und gerne mal eine frische Meinung hören.
Nun, mein erstes Zusammentreffen mit dieser illustren Truppe war – ernüchternd. Mr. Brookes hatte sie als eine Art Mischung aus Abenteurern und Exzentrikern beschrieben. Als ich sie zunächst traf, waren sie erst einmal – mürrisch.
Sie schienen vor allem niedergeschlagen wegen irgendeiner Mission, die offensichtlich nicht besonders gut verlaufen war. Ich saß mit Esquire Brookes im Sall des Dog&Eyrie, das nächste, was man in Chicago an einem Herrnclub finden konnte. Die drei gestalten, die den Club betraten, hatten sich zwar kurz umgezogen, aber man sah ihnen die Last der Reise noch an. Ich erkannte dieselben hängenden Schultern und allgemeine Reisemüdigkeit, die man mir selbst bestimmt auch ansah.
Ms Bluebird schien von inneren Zweifeln geplagt, und sie war die Sprecherin der Gruppe. Die beiden anderen Individuen – nun, Winston Li entsprach genau meinem Bild eines amerikanischen Revolverhelden, auch wenn seine Gesichtszüge einen asiatischen Einschlag hatten. Danny – nun, er war ein Rätsel. Von Kopf bis Fuß eingehüllt in Ponchos und Mäntel, trotz der brütenden Julihitze, und diese Maske – ich hatte selten eine solch bizarre Kopfbedeckung gesehen, komplett mit irgendwelchen Linsen, Filtern, Schläuchen, die unter dem Poncho verschwanden. Es war verständlich, das er sich ständig in den Schatten herumdrückte, und es waren kaum Worte aus ihm heraus zu bringen.
Gleich unser erstes Treffen wurde denn auch von - ich nenne es mal – Lokalkolorit unterbrochen. Eine Truppe von 6 Weibsbildern stürmte ohne Vorankündigung in das Dog&Eyrie. Es waren wüste Gestalten, gehüllt in lange Staubmäntel darunter unanständig freizügige Hosen und Hemden. Damit nicht genug, sie trugen Revolver und Peitschen an den Gürteln, wie die örtlichen Vietreiber!
Die Anführerin stolzierte durch den Raum, als gehöre sie hierher.
„Hallo Hallöchen, Ihr Inselbewohner. Meinen Witches ist zu Ohren gekommen, das hier ein paar Union Blue Pfeifen untergekommen sind.“ Ihre Weiber verteilten sich hinter Ihr im Raum. Eine rothaarige, gerade im heiratsfähigen Alter, schritt besonders frech von Tisch zu Tisch und starrte den Gästen grinsend ins Gesicht.
Der Barkeeper räusperte sich. „Hören sie, Miss, das hier ist ein Herrenclub, und das bedeutet, das Ladies hier keine Zutritt haben.“
Das schien die Frauen zu amüsieren. Allgemeines Gelächter ertönte, und die Anführerin trat an die Theke, die Hand an der Peitsche.
„Na dann trifft sich ja gut, das wir keine Ladies sind, Kleiner. Nochmal, wer von den Flaschen hier ist Union Blue?“
Inzwischen war die Rote zu unserem Tisch gekommen und hielt überrascht inne.
„Hey, Angie, du wirst es nicht glauben!“ Sie zeigte auf Danny. „Der elende Iron Dragon Bastler ist hier!“ Dannys Reaktion war schwer zu bestimmen, aber er schien einen Moment zu erstarren. Winston blätterte derweil gemütlich in einem Bündel Papiere, und warf nur ab und zu den Frauen einen abschätzenden Blick zu.
„Wo ist denn Deine kleine Karate-Schlampe? Die hält doch sonst Deine Kette?“ Die Stimmung war kurz vor dem explodieren. Gewalt lag in der Luft, und eine Dunkelheit schien sich über den Raum zu legen, ausgehend von Danny.
Dann zerschnitt Winston Lis Stimme die Stille.
„Jennifer R. Simkins, Körperverletzung, Raubüberfall, ungebührliches Verhalten in der Öffentlichkeit. 25 Dollar.
Angela Simkins, Raub, Diebstahl, Aufruf zum Ungehorsam, Sabotage von Schienenverkehr. 50 Dollar.
Und für den Rest von den Mädels bekomme ich sicher einen Mengenrabatt.“
Seine stahlblauen Augen richteten sich auf Jennifer.
„Und hier steht nichts davon, das ich Euch lebend abliefern muss.“
Einen Moment lang hielt Jennifer dem Blick stand, dann wich sie zurück, die Hand am Revolver.
„Na dann versuch's doch, Kopfgeldjäger. Du bist nicht der erste, der den Preis kassieren will.“
Füsse scharrten, Stühle kratzten über den Boden, als sich die restlichen Gäste aus der Schusslinie bewegten.
Mr Brookes Hand legte sich unter dem Tisch auf Lis Unterarm. „Nicht hier, Mr. Li.“ flüsterte er aus dem Mundwinkel. Kein Schiesserei hier im Club.“
„Wenn es sich vermeiden lässt.“ Gemächlich stand er vom Tisch auf und öffnete den Mantel. Von Danny erklang ein merwürdiges mechanisches Klicken, als sich irgendetwas unter dem Poncho bewegte.
Die Anführerin der Witches legte Ihr Hand auf die Schulter der Rothaarigen. „Angie, deswegen sind wir nicht hier. Wir haben noch was zu tun.“
„Aber er-“
„Wir gehen, Angie. Jetzt.“ Einen Moment lang starrte Sie Ihre Schwester haßerfüllt an, dann wieder auf uns. „Also gut, ein andermal, Kopfgeldjäger. Und du ebenso, Danny Boy. Du hast mindestens ein Dutzend von uns auf dem Gewissen. Die Wichitia Witches begleichen Ihre Rechungen. Immer!“
Mit diesen Worten zogen Sie sich zurück. Die Erleichterung im Raum war spürbar.
„Gut gelöst, Mr. Li. Auch wenn wir Glück hatten, das Ihre Anführerin wohl etwas vernünftiger ist als der durchschnittliche Bandit.“ Mr Brookes stand auf. „Genau so sollten sie mit Ärger in den nächsten Tagen umgehen. Diese Stadt ist ein Pulverfass, und jegliche Provokation kann Sie zur Explosion bringen. Ich werde jetzt mit Ms Bluebird die detaillierten Probleme bei Ihrer Mission durchgehen. Danny, wir müssen bei Gelegenheit Ihre Vergangenheit mit den Witches erörten.“
Dannys Maske bewegte sich mit einem trockenen Quietschen zu Brookes.
„Gibt nicht viel zu sagen. Sie haben meinen Zug überfallen. Ich hab Sie dafür bluten lassen. Ende der Geschichte.“
Mr. Brookes zögerte und warf Ms Bluebird einen fragenden Blick zu. „Wie gesagt, wir sollten das später erörtern. Ms Bluebird?“ Sie nickte und schloss sich Mr Brookes auf dem Weg nach oben an.
Li zündete sich eine weitere Zigarre an und blickte durch den Raum.
„Der Bursche da“, murmelte er aus dem Mundwinkel, „ist auffällig erleichtert, das die Mädels weg sind.“ Er deutete auf einen recht dandyhaft herausgeputzten Gentleman, auf dessen Schoß eine asiatische Schönheit saß. Tatsächlich gewann sein Gesicht gerade erst wieder an Farbe. „Ic hwerd ihm mal ein paar Fragen stellen.“
„Sollten wir nicht-“ begann ich, aber Li war schon an der Seite des Pärchens. Mt einem merkwürdigen Hopser richtete sich auch Danny auf und – stakste, ich kann es nicht anders beschreiben – die Treppe herauf. Ich blickte mich verwirrt um. „Äh, dann, warte ich wohl hier.“
Der Dandy hatte offensichtlich keinerlei Lust auf eine Unterhaltung und verließ beinahe fluchtartig den Club. Li und die junge Dame wechselten noch einige Worte, anscheinend in der Heimatsprache der Aisatin.
Dann verschwanden sie beide auf Ihre Zimmer, und ich saß alleine im Gastraum.
„Das ist eine – interessante Einführung.“ Ich bestellte mir einen Sherry und erwartete die Rückkehr meiner neuen Reisegefährten. Und wartete. Und wartete. Nach zwei Stunden und meinem dritten Sherry kam jemand die Treppe herunter. Erwartungsvoll sah ich auf, und wurde mit dem Anblick einer taumelnden Gestalt in einem ehemals teuren Anzug belohnt. Der Bursche war offensichtlich schon nah an seinem Limit, sein linker Arm war mit einem Verband eingehüllt, der unter seinem Hemd hervorlugte.

Sein unsteter Blick fand mich, und er setzte ein unstetes Lächeln auf. „N'Abend, Sir. Clayton Mansfield mein Name. Sie würden nicht zufällig einem Veteranen einen Drink ausgeben?“
Ich zuckte mit den Schultern. Mr. Brookes hatte uns alle Verpflegung freigestellt, und inzwischen war ich so gelangweilt, das selbst dieser Trunkenbold eine interessante Abwechslung war.
„Aber gerne, Mr. Clayton. Hatch ist mein Name, Andrew Hatch. Veteran, sagten Sie? Welcher Krieg, wenn ich fragen darf?“
Er brauchte seinen ersten Drink, bevor er sich öffnete. Mr. Mansfield war wohl eines der Opfer des nunmehr beinahe 10 Jahre andauernden Bürgerkrieges, ein Mann, der zu viel Leid und Tot gesehen hatte. Er suchte nun vergessen in Alkohol und anderen sinnvernebelnden Drogen. Als er mich verließ, war er auf der Suche nach etwas, das er Yellow Candy nannte.
Der Barkeeper klärte mich auf.
„Yellow Candy ist das neue Zeug, das die Chinesen aus dem Westen ranschaffen. Als ob Opium nicht mies genug wäre, dieses Zeug ist so billig, das es sich jeder Viehtreiber leisten kann. Manchmal verschenken sie's sogar, oder schmeißen es in die Drinks, wenn Leute nicht hinsehen. Und wer einmal Candy hatte, will nichts anderes mehr. Macht einen angeblich völlig furchtlos. Also, pass auf, wenn Dir irgend ein Chink was andrehen will. Die Chancen sind 50/50, dasYellow Candy drin ist.“
Welch erquickende Aussichten – Eisenbahnschläger, ein Fest zur Feier unserer Niederlage gegen die Einheimischen und eine neue Droge auf dem Markt. Die Gerüchte über die exzentrischen Abenteuer der Brookes waren keineswegs übertrieben....

East vs. West – Winston Li

Ich ließ mir den Abend in der Badewanne nochmal durch den Kopf gehen, zusammen mit zwei Fingern Whiskey und einer guten Cohiba. Man konnte sich an so ein Stadtleben gewöhnen.
Nicht , das es hier weniger Ärger geben würde als im Westen. Aber der Ärger war – irgendwie netter anzusehen als in der Prärie.
Kaum zurück aus den Fängen dieser verdammten Riesenechsen gab es hier gleich zwei gefährliche, aber interessante Misses. Jennifer R. Simkins, eine Wichita Witch, eine echte Eisenbahnsoldatin. Aber im Gegensatz zum normalen Abschaum schien sie ziemlich vernünftig zu sein, so wie sie Ihre kleine Schwester zurück pfiff, bevor es wirklichen Ärger gab. Ein schlaues Mädchen.
Und Suzie Wong, ein arbeitendes Mädchen, aber eine mit Klasse. Und sie hatte einige Geheimnisse. Ich weiß immer noch nicht, was das mit diesem Roten Lotus sollte, aber sie hat mir einen echten Dämonenjäger hier in Chinatown empfohlen. Es wurde Zeit, ein wenig aufzurüsten. Seit ich mit Bluebird und Danny unterwegs war, traf ich deutlich zu viele Biester, die meinen üblichen Argumenten Kaliber 45 gegenüber unzugänglich waren. Meine Ma, Gott hab sie selig, hatte immer diese lustigen Schriftzeichenfähnchen an unsere Fenster und Türen gehängt. Daddy wollte sie mal wegmachen zum vierten Juli und stattdessen Girlanden aufhängen. Niemals hatte ich meine Ma so wütend gesehen. Normalerweise war sie diese kleine, liebenswürdige Lady, die nichts aus der Ruhe bringen konnte und Dad alle Wünsche von den Augen ablas. Aber diese Fähnchen waren Ihr so wichtig, das Sie Dad dermaßen zusammen brüllte, das er den Schwanz einzog und alles eigenhändig wieder aufhing. Wenn meine Ma dermaßen an die Dinger glaubte, musste da was dran sein. Als ich sie fragte, nannte sie es „Shinto-Magie“. Mal sehen, ob ich mir nicht eine Dosis Shinto besorgen konnte, um mir zwischen den Heiligen und Dämonen in meinem Umfeld etwas Gehör zu verschaffen.

Aber erstmal wurde es Zeit für einen kleine Rundgang durch's Viertel. Ich war wohl kurz eingenickt, denn es ging schon auf Mitternacht zu, als ich runter ging. Danny und der neue Doc warteten unten, an getrennten Tischen. Konnte ich dem neuen Doc nicht verdenken – Danny war nicht gerade der Gesellschaftertyp.

„Ok, Danny, Hatch, wird Zeit, das wir mal ein bisschen Präsenz auf der Straße zeigen. Wenn man keinen Ärger haben will, muss man den Jungs zeigen, das man sie im Auge hat.“
Danny, der ohne Stuhl vor dem Tisch hockte wie eine Art ledriges Huhn, wendete mir quietschend den Kopf zu.
„Vergiss es, Li. Wenn ich auf die Straße gehe, mache ich mehr Ärger, als ich vermeide. Ich bleib hier, falls die Witches zurück kommen.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht besser so. Komm, Hatch, ich erklär Dir, wie man im Westen solche Sachen angeht.“
Wir traten auf die Straße, und ich ließ meinen Blick über die verwaisten Stände streifen. Nur noch wenige Trunkenbolde und arbeitende Mädchen waren unterwegs.
„Also, wenn Du mit Brookes und uns unterwegs bist, darfst Du Dich von nichts aus der Bahn werfen lassen. Seit ich bei der Truppe bin habe ich Riesenwölfe, lebende Schatten, blutsaugende Rattenmenschen und dampflokgroße Eidechsen gesehen. Und das sind nur die Sachen auf der anderen Seite deiner Flinte. Deine Kumpels sind entweder im Namen Gottes unterwegs oder von Satan verdammte Seelen, die 'nen abgerissenen Arm wegstecken wie andere einen abgebrochenen Fingernagel. Also halt Dich an mich, ich bin der einzig normale hier.“ Ich weiss nicht, wie Hatch das ganze aufnahm, aber bevor wir das ausdiskutieren konnten, hörte ich das Knallen einer Peitsche und das irre Gackern von Angie Simkins.
„Dazu später mehr, Hatch. Da vorne wartet Arbeit auf uns.

Edward Hatch

Nachdem ich nun überzeugt war, das Li entweder noch betrunken oder ein Opfer schwerer Sinnestäuschungen war, freute ich mich nicht unbedingt darauf, ihn bei seiner nächsten Konfrontation mit den Wichita Witches zu begleiten.
Zu meiner überschaubaren Überraschung hatte die rothaarige Angie ein neues Opfer gefunden, einen in eine Art weißen Pyjama gekleideten Chinesen.
„Du willst also in unserer schönen Stadt deine elenden Drogen verticken, Chink? Dafür wirst Du bluten!“ Angie liess Ihre Peitsche kurz an dem Chinesen vorbeiknallen, der seine Augen geschlossen hielt und seine Hände or dem Körper verschränkte.
Li erregte Ihre Aufmerksamkeit recht effektiv durch einen Schuss in die Luft.
„Angie, das hatten wir doch schon, oder? Keinen Ärger auf meinen Straßen, sonst wanderst Du ein.“ Die Furie wirbelte zu uns herum.
„Willst Du jetzt auch noch einen verdammten Candy-Dealer in Schutz nehmen? Erst diesen irren Bombenleger Danny, jetzt noch einen Chink? Bist Du weich in der Birne?“ Die Fäuste der Wilden kneteten Ihre Peitsche, als wolle sie etwas erwürgen. Das Knirschen klang wie eine sterbende Katze.
Li legte das rauchende Gewehr über die Schulter und nahm die Zigarre aus dem Mundwinkel. Er deutete mit dem Stengel auf sie.
„Ich glaube, man muss Dir mal Manieren beibringen, Kleine. Ich besorge gerne das versohlen, aber erst nach dem Vierten. Und Du“ Er deutete auf den Chinesen, der weiterhin in Trance zu sein schien. „Ho don wei do chai shi“ (oder so ähnlich. Li erklärte mir später, das das „Keine Drogen in meinen Strassen“ hiess). Die Augen des Chinesen öffneten sich ruckartig. Er verbeugte sich schnell, dann drehte er sich um und ging.
„So einfach kommst Du mir nicht davon, Chink!“ Angie ließ Ihre Peitsche ausrollen, aber als sie zum Hieb ansetzte, wurde sie nach hinten gerissen. Ihre Schwester hatte die Peitsche gefangen und um Ihr Sattelhorn geschlungen.
„Angie, wir wollen doch dem guten Mr. Li keinen Grund geben, Dich zu verhaften.“ Sie blickte zu uns herüber. „Hier ist nichts passiert, nur eine kleine Meinungsverschiedenheit. Nicht wahr?“
Winston steckte die Zigarre wieder in den Mundwinkel. „Hab nichts anderes gesehen. Und jetzt ist es doch bestimmt Zeit für's Bett, nicht wahr? Wir wollen doch morgen alle zeitig aufstehen, Mädels.“
Angelas Augen brannten in einem Feuer, das ich noch nie gesehen hatte. „Eines Tages kommt meine Schwester nicht, um Deinen Arsch zu retten, Li. Eines Tages...“
„Kann's kaum erwarten, Angie.“ Er klopfte mir auf die Schulter. „Komm, wir müssen unsere Runde beenden. Ma'am“ er zog den Hut vor Jennifer, dann schritt er davon.
„Und so bewahren Sie den Frieden? Mit Drohungen?“ Ich war zugegebener maßen irritiert.
„Hat doch geklappt, oder? Solange allen hier klar ist, das ich nicht bluffe, werden Sie ruhig bleiben. Ich weiß nicht, was die Witches vorhaben, aber ein Feuergefecht auf der Straße würde es Ihnen auf jeden Fall versauen, ob sie den kürzeren ziehen oder nicht. Bleibt nur abzuwarten, was Ihr Endspiel ist – oder besser noch, wir finden es raus, bevor sie es erreichen.“

Mitternacht – und die Hölle bricht los

Der Rest der Patrouille verlief dann tatsächlich ruhig, abgesehen von irgendeiner besessenen Abstinenzlerin, die mit Flugsendungen und so einem albernen Sandwichplakat herumlief und uns als Söhne Satans bezeichnete, weil wir nicht dem Alkohol abschwören wollten. Das Grauen erreichte uns in unseren eigenen vier Wänden.
Als wir wieder in das Dog & Eyrie kamen, wo uns Danny eine ereignislose Stunde bestätigte, wurden wir von einem grauenhaften Schrei aus unseren Gedanken gerissen. Der Schrei verstummte abrupt, aber da waren Danny, Li und ich bereits auf dem Weg nach oben, von wo der Schrei ertönt war. Schnell erreichten wir die Quelle des Lärms, das Zimmer von Suzie Wong. Der Anblick darin warf mich zurück in die unsäglichen Lazarette, aus denen ich eigentlich entkommen wollte.
866 während der Schlacht von Detroit, wars ich in einem Feldhospital, und die Verwundeten kamen am Fließband.
Als ich grade den Arm eines jungen Mannes zusammen geflickt hatte, drang Lärm vom Triagezelt zu mir. Es war eine heiße Nacht, so wie es heute würde, und obwohl es fast ein Jahr her ist, erinnerst Ich mich daran, als wäre es gestern.
Ich gab meine Nadel an eine der Schwestern um zu sehen, was der Aufstand denn soll. Zunächst dachte ich, der Feind hätte uns flankiert und würde nachts attackieren. Die Wahrheit war um vieles Schlimmer.
Ein Schlächter in der Kleidung eines Chirurgen hatte sich durch die Verwundeten gehackt, und links und rechts gesunde Gliedmaßen amputiert. Keine Betäubung, keine Kugel zum drauf beißen – ein schneller Schnitt, und Arm oder Bein waren fort. In manchen Fällen Köpfe.
Ein junger Bursche namens Ketchum hatte ihn bemerkt. Er war selbst beinahe tot, aber die Schreie der Opfer hatten Ihn geweckt.
Die Wachen draußen hatten die Schreie ignoriert. Wenn Du den Verwundeten eine Weile zuhörst, fängt man an, Ihre Schreie zu ignorieren.
Ketchum auf jeden Fall schnappte sich sein Schießeisen und pumpte den Schlächter voller Blei. Die Schüsse alarmierten die Wachen endlich.
Als die Wachen kamen, sahen Sie den Schlächter über Ketchum stehen, der immer noch seine leere Pistole abfeuerte, obwohl sein rechtes Auge auf dem Skalpell des Schlächters aufgespießt war.
Mit einem Irren Lachen verschwand der Schlächter, so schnell wie ein Pferd, und schnitt sich einfach durch die Zeltwände, bevor er wie eine Spinne die Seiten eines Hauses herauflief. Keine der Kugeln schien Ihn auch nur irgendwie zu stören.

Die Wunden des Opfers sehen genauso aus wie die damals in Detroit. Der Schlächter hat mich eingeholt.

Der Rest der Szene wird mir erst später bewusst. Die Arme Suzie, bewusstlos, aber körperlich nahezu unversehrt. Eine zerschmetterte Fensterscheibe. Und überall Blut. 

Danny

War ja klar. Da hält man sich von jeglichem Ärger fern, kommt der Ärger zu einem Und das nicht genug, jetzt erwartet Brookes allen Ernstes, das wir Detektiv spielen! Einen Mord aufklären, und ja keinen Staub aufwirbeln! Bullshit, sage ich. Ich glaube, es wird Zeit, dieses „Arbeitsverhältnis“ mal zu überdenken. Brookes fällt mir zu sehr auf seine Kolonialattitüden zurück, und das brauch ich nun wirklich nicht.

Also ein neuer Psychokiller. Einer, der in Sekunden ganze Körperteile abschneiden kann. Und durch ein geschlossenes Fenster springt, ohne sich zu verletzen. Die Fußspuren sind beeindruckend. Der Bursche ist groß, schwer und schnell. Sie führen die Gasse entlang auf die Mainstreet und verschwinden da in hunderten von Wagen und Fußspuren. Gegenüber ist eine Kaschemme namens Cowtown Saloon, vielleicht war da noch jemand unterwegs. Davor liegt auf jeden Fall noch eine Schnapsleiche. Ein Wohnhaus hat er auch passiert, aber die Befragung soll lieber Li durchführen. Also setze ich mich lieber wieder in den „Club“.

Da erdreistet sich doch Brookes tatsächlich, mir schon wieder auf die Eier zu gehen! Warum ich denn so passiv wäre, ob ich denn so gar nicht an meiner Erlösung arbeiten wolle. Überhaupt, das auch alle anderen sich schon Sorgen machen würden.

Sorgen – als wüßte der, was Sorgen heißen! Dieses verdammte Amulett macht mich so stumpf! Ich weiß, es wäre kein Problem, einen spektralen animierten Hemo-Schnüffler in meine Maske einzubauen. Ich WEISS es! Aber in meinem Schädel tut sich nichts. Ich weiß, die Ideen sind nur kurz hinter diesem Schleier, aber sie wollen nicht raus kommen.

Sind etwas alle meine Erfindungen nur das Werk dieses verdammten Dämons? Habe ich selber NICHTS erschaffen? Und wer sagt überhaupt, das es ein Dämon ist. Doch nur Bluebird und ihre elende Kirche. Vielleicht ist es ja nur ein Teil von mir, so eine Art Totem? Ein Schutzgeist? Nur, weil die Kirchenaffen sie nicht verstehen, müssen Sie denn gleich „böse“ sein?

Und vielleicht wird er nur aggressiv wegen diesem Amulett? Unterdrücke ich etwa einen Teil von mir? Einen Teil, der mich zu etwas wirklich besonderem macht? Und mal im Ernst, hat es irgendetwas gemacht, das ich nicht auch gewollt hätte? Ich muss diese andere Seite von mir erforschen. Ich MUSS wissen, was hinter dem Schleier ist. Nur dann kann ich es benutzen.

Ich stelle mich vor den Spiegel. Die Maske schaut daraus hervor. Aber ist es eine Maske? Oder ist es mein wahres Gesicht, und darunter ist die Maske. Ich betrachte meine silberne Klaue. Solche Perfektion. Ich hebe meine linkes Bein und halte es neben meine Klaue. Die Krallen sind ähnlich. Ich kann jetzt problemlos auf einem Bein stehen, solange ich will. Eine eindeutige Verbesserung. War der Tod vielleicht nur ein – Erwachen?

Entschlossen packe ich das Amulett und ziehe es über den Kopf. Ich taumle kurz, irgendwo ertönen weit weg Schüsse. Ideen, Diagramme, Zeichnungen schießen mir durch den Kopf. Vor mir auf dem Tisch liegt ein Plan. Der Hämospüraufsatz für meine Maske. Mit Direktanschluss in meine Nebenhöhlen, nur wenige Schnitte und Schläche werden nötig sein. Er ist perfekt.

Ich blicke in den Spiegel, und schaue aus dem Spiegel heraus. Mein Spiegelbild legt den Kopf schief.

„Du wolltest reden?“

Winston Li

Unsere Nachforschungen enden in einer Sackgasse nach der anderen. Suzy ist nicht ansprechbar. Dr. Hatch hat sie kurz mit irgendeinem Mittelchen aus der Ohnmacht erweckt, aber Ihre Aussage hat uns nicht weitergebracht. Der Typ ist durch die Tür gekommen, und war monströs groß. Er trug eine weiße Maske und einen weißen Mantel, sollte also auffallen wie ein verdammter Wasserbüffel in einer Broncoherde, aber niemand hat ihn gesehen, nachdem er auf die Main Street ist. Kein Trunkenbold, kein Candyhead. Die Familie nebenan hat ihn vorbeirennen sehen, aber danach hat er sich anscheinend in Luft aufgelöst.

Der einzige, der außer uns noch auf dem Stockwerk da oben wohnt, ist dieser Trunkenbold Clayton. Hatch sagt, der Typ hat ein Kriegstrauma, und der Wirt meint, er säuft ständig und benebelt sich die Sinne mit Yellow Candy, wann immer er kann. Also wahrscheinlich auch ein nutzloser Zeuge, wenn wir ihn denn finden können.

Was ich stattdessen finde, ist Angie Simkins. Und den Chinesen von gestern den sie durch die Straßen peitscht. Verdammt nochmal. Und die anderen WItches schauen zu. Was haben sie bloß gegen diesen Kerl?

„Hey!“ Wieder spricht meine Flinte, damit ich Ihre Aufmerksamkeit kriege. Das wird zur Gewohnheit. „Sofort aufhören! Was soll das hier?“
Angie schaut mich an und lächelt zuckersüß. „Aber Mr. Kopfgeldjäger, das hier ist nur Selbstverteidigung. Der Chinese hat mich angegriffen, nachdem ich sein gelbes Gift nicht nehmen wollte. Nicht wahr, Schwester?“

Jennifer scheint zwar nicht besonders amüsiert, aber sie nickt. „Jepp, Mr. Li, er hat sie angegriffen. Und sie werden NIEMANDEN finden, der etwas anderes sagt.“ Ihre Hand liegt zur Unterstreichung Ihres Arguments auf dem Griff Ihrer Peitsche, Ihre Spießgesellinnen schauen die umstehende Menge herausfordernd an.

Der Chinese ist zusammen gebrochen. Dr. Hatch und – Clayton – eilen zu ihm, um nach seinen Wunden zu sehen. Der Trunkenbold stellt sich überraschend geschickt an.

Ich wende mich wieder Angie zu, die grinst wie ne Katze, die den Kanarienvogel verschluckt hat.

„Außerdem hat er wieder das böse böse Gift verteilt, und das wolltest Du doch nicht, oder, Li? Ich hab Dir also ‚nen Gefallen getan.“ Und jetzt entschuldige mich, es sieht so aus, als wolle er wieder aufstehen.“ Sie rollt Ihre Peitsche aus und dreht sich wieder zu Ihrem Opfer.
„He Ihr da, geht besser aus dem Weg. Ich kann zwar mit der Peitsche umgehen, aber wenn Ihr so nah an ihm dran steht…“
Hatch blickt sie erst irritiert, dann entschlossen an. Er steht auf und stellt sich zwischen Sie und den Verletzten.
„Das muss jetzt aufhören. Der Mann ist für niemanden eine Gefahr, und er braucht Hilfe. Hören Sie auf mit dieser Farce!“
„Ich soll WAS?“ Angie ist puterrot angelaufen. Das wird nicht gut gehen.

„Und außerdem hat er gar kein Candy verkauft! Er mag ein teuflisches Chinese sein, aber er ist einfach nur seinem Tagwerk nachgegangen!“ Ida Mae stellt sich mit Ihrem lächerlichen Sandwichplakat neben den Doc.

„Du vertrocknete Schlampe! Dann kriegst Du’s eben auch ab! Und der Azt, und der Säufer, Ihr alle! Hört Ihr Mädels, wir-„ Zwei der WItches packen Angie an den Armen und zerren Sie weg. „Ich krieg Euch alle! Ich wird Euch die Haut von den Knochen schälen! Ihr seid tot! TOT!“ Die Witches schleppen Sie in die Menge. Jennifer seufzt, dann zuckt sie mit den Schultern und schaut mich müde an.

„Familie, eh. Kann man sich nicht aussuchen.“ Dann wendet sie Ihr Pferd und trottet Ihrer keifenden Schwester nach.

Dr. Hatch

Wo war ich da nur hineingeraten. Danny, der anatomisch gewiss interessanteste der Gruppe, lehnte jede Kooperation ab. Li ergoss sich weiter in wilden Geschichten, was für Monstren sie schon begegnet sein wollten. Als wir dann in der Apotheke diverse Raubtierzähne inspizierten, war er überrascht, das es durchaus schon im Bereich des möglichen war, solche bei Menschen zu implantieren. Zwar hatte ich selbst noch bei keiner solchen Operation teilgenommen, aber ich hatte mal eine Tinktur zum Nachwachsen von Zähnen hergestellt, die leider unabsichtlich ganz ähnliche Resultate hervorbrachte.

Nun stand ich da, mit einem schwer verwundeten Drogenhändler und einem nach Alkohol und Yellow Candy stinkenden Arzt. Zum Glück hatte ich bei einem irischen Bauernaufstand einige Erfahrung mit Peitschenhieben und deren Behandlung gesammelt und noch die eine oder andere Tinktur dafür im Täschchen, so das ich den guten Mann schnell wieder auf den Beinen hatte.

Er dankte dann noch Li und mir für unsere Hilfe und versprach uns, der eiserne Drache würde sich jetzt um das Problem mit den WItches kümmern.

Das wiederum klang doch etwas ominös…

Nach dem Zwischenfall mit den Witches und dem Chinesen verschwand Li dann auch, um einer Spur in Chinatown nachzugehen. Ich hoffte, er würde diese Sache mit dem eisernen Drachen glatt bügeln, denn nach Deeskalation hatte das nicht geklungen, auch wenn der Chinese äußerst sanftmütig gesprochen hatte.

Und damit war ich dann prompt wieder allein. Ms Bluebird glänzte durch Abwesenheit, Li in Chinatown, und Danny führte in seinem Zimmer Selbstgespräche. Mr. Brookes war bei einem Geschäftsessen, und als die Nacht voranschritt und weder Li noch Danny nach unten kamen, wurde es mir etwas mulmig.

Ich dachte nicht einmal daran, ohne einen der beiden auf Patrouille zu gehen. Ich mache mir keine Illusionen ob meiner Erscheinung. Ich mag als seriös gelten, Respekt einflössend bin ich gewiss nicht. Zumindest nicht auf die Art und Weise, wie eine raue Stadt wie diese es braucht. Die Zeiger tickten, und der billige Sherry, der hier ausgeschenkt wurde, tat meinem Magen nichts Gutes. Ich griff mir also eine Lampe und machte mich auf den Weg zum Abort im Hinterhof – gerade rechtzeitig, um Zeuge des zweiten Leichenfundes zu werden. Nur 5 Minuten vorher auf meine Blase gehört, und eventuell hätte ich die Panik und den Menschenauflauf vermeiden können, der sich jetzt innerhalb von Minuten um die kleine Hütte bildete. Wortfetzen flogen mir zu
– Gott, beide Beine
– überall Blut
– eine von den Witches?
– Feinde haben sie ja genug

Als ich mich nach vorne geboxt hatte, erkannte ich im Schein mehrerer Lampen die Handschrift des Schlächters. Kopf und beide Beine chirurgisch präzise abgetrennt, der Rest des Torsos wie eine kaputte Puppe in den Abort geworfen. Der Revolvergurt mit der daran befestigten Peitsche bestätigte die Vermutung der umstehenden. Eine der Wichita Witches. Und ich hatte eine ungute Vorahnung, welche genau…

„Wo ist meine Schwester?“ Ich schäme mich zu gestehen, das ich froh war, Jennifer Simkins Stimme zu hören statt die Ihrer Schwester Angela. Mit Angela wäre jede Hoffnung auf Verhandlung von vorne herein verloren gewesen. „Wo – ist – meine Schwester?“ Sie trieb Ihr Pferd gnadenlos durch die Menge auf das Häuschen – und mich – zu. Ich wollte mich gerade diskret verziehen, als ich gegen eine nackte Männerbrust stieß. Ich wich zurück, und sah mit mit eine Gruppe von 6 muskulösen Chinesen konfrontiert, deren Oberkörper mit Tätowierungen sich windender Schlangen – oder waren es Drachen – bedeckt waren. In Ihren Händen funkelten Hackmesser und Dolche.
„Das nenne ich mieses Timing, Gentleman.“ Der Anführer, ein beinahe glatzköpfiger Bursche von den Ausmassen eines Kleiderschranks, sah mich abfällig an. Hinter mir erklang ein Schrei, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Jennifer hatte Ihre Schwester gefunden.
„Wer hat sie gefunden? Wer hat das getan?“ Ich bin immer wieder begeistert davon, wie schnell Menschenmengen verschwinden können, wenn Ärger in der Luft liegt. Ich wünschte, ich hätte diese Fähigkeit auch erlernt, denn so stand ich plötzlich zwischen einer vor Wut und Trauer halb wahnsinnigen Wichita Witch und einer Iron Dragon Rail Gang, die noch nicht einmal wußten, wie das ganze hier jetzt aussah.
„Du – Doc – was ist hier passiert. Und was stehst Du da bei den Chinks?“
„Ich, ähm, wissen Sie Miss, lassen Sie mich erklären. Ich denke nicht, das diese Herren etwas damit zu tun haben, denn Sie sind ebenso wie ich gerade erst-„
Ein Schuß ertönte, ich weiß nicht woher, und der Schädel des Chinesen neben mir zerplatzte wie eine Melone. Seine Gefährten zögerten nur Sekunden, dann warfen Sie sich Messer schwingend auf die Witches, die ebenfalls Ihre Waffen zogen. Die Schlacht brach los.

Gott muss seine Hand über mich gehalten haben, denn obwohl ich Messer und Kugel um meine Ohren pfeifen hörte, Blut mich besudelte und ich mindestens ein Dutzend Schläge und Tritte einsteckte, schaffte ich es schließlich unter die Veranda. Wahrscheinlich dauerte das ganze Gefecht nur wenige Minuten, aber wie es so ist im Kampf, kam es mir vor wie Stunden. Schließlich ertönten schrille Pfiffe, und eine Gruppe bewaffneter Reiter galloppierte in die Strasse, angeführt von einem bulligen Kerl mit einem Stern an der Jacke. Zurück blieben ein Dutzend Körper, tot oder schwer verwundet, 3 Chinesen, 2 WItches, und 6 Unschuldige, die Gott wohl nicht so liebte wie mich. Angelas Leiche war verschwunden. Anscheinend hatte Jennifer sie nicht zurück lassen wollen, im Gegensatz zu Ihren anderen „Schwestern“.

Ich half, so gut ich konnte, bei der Versorgung der Verletzten, und machte meine Aussage bei den Hilfssherriffs. Ich verschwieg geflissentlich den Auslöser des Kampfes, denn einer Nachforschung der Morde durch den Sherriff würde ein ungünstiges Licht auf Mr. Brookes und mich werfen. Auch den mysteriösen Schützen verschwieg ich. Die Deputies waren denn auch zufrieden mit einer Schlacht zwischen Rail Gangs, wenn auch einer überraschend heftigen.

Wie ich das ganze Mr. Brookes erklären sollte, war eine ganz andere Frage...

Showdown in Deadwood

Die Sonne brennt auf Deadwood hernieder wie der feurige Blick eines zornigen Gottes. Fliegen summen um träge Körper auf der Veranda des Saloons. Das langsame Klipp-Klapp eines einsamen Pferdes hallt dumpf von den wenigen Holzgebäuden zurück, die die Main Street darstellten.
Das Pferd hält vor dem Saloon. Der staubige Reiter steigt schwerfällig und steif ab. Die Dielen knarren und seinen Schritten, als er die Veranda überquert und die Flügeltüren aufstößt.
Er tritt an die Bar, die ein grimmiger, schwartiger Barmann gerade mit einem Tuch abwischt – danach wischt er sich mit demselben Tuch den Schweiß von der Stirn.
„Was darf es sein, Fremder?“
„Whisky. Und eine Auskunft.“
Er schiebt einen Steckbrief über den Tresen, darauf liegt ein Silberdollar.
Der Barkeeper wirft einen desinteressierten Blick auf den Steckbrief, der Dollar verschwindet unter dem Tuch.
„Murdoch, eh? Kann sein, das er hier war. Hat nach jemand gefragt, glaube ich. Einem Priester oder so.“
„Justice. Beaufort T. Justice heißt der Mann, den ich suche.“
Der Reiter wirbelt herum, die Hand am Colt.
In der Tür steht eine hagere, dunkelhaarige Gestalt in einem 50 Dollar Anzug. Am Gürtel baumelt – etwas exzentrisch – eine Grubenlampe. Die Hände ruhen auf den Kolben von zwei versilberten Peacemakern. Der Blick der blauen Augen ist so kalt wie ein Winter in Alaska.
„Aber wer will das wissen?“
„Der Name tut nichts zur Sache, Murdoch. Es gibt einen Preis auf deinen Kopf und ich plane, ihn zu kassieren.“
„Da haben wir wohl ein Problem, mein Freund. Ich habe Reverend Justice nämlich noch nicht gefunden, und in einem Gefängnis werde ich ihn vorerst nicht suchen.“
Das Klicken von zwei Hähnen unterbricht den Dialog.
„Klärt das draußen“, knurrt der Wirt über die beiden Läufe einer Schrotflinte.


Die Sonne steht senkrecht über der Main Street. Murdoch und der Reiter stehen knapp 10 Schritt voneinander entfernt. Während der Fremde am Griff seines Revolvers dreht, mischt Murdoch einen Satz Karten.
„Ich gebe Dir eine letzte Chance, namenloser Fremder. Steig auf Dein Pferd und reite weg. Das hier kann nicht gut für Dich enden.“ Er zieht ein Blatt von 5 Karten und lächelt.
„Gegenangebot, Murdoch. Du ergibst Dich und bekommst einen fairen Prozess. Und ein Jobangebot“ Der fremde hob ein Mantelrevers, und ein bronzener Stern blitzte kurz auf.
Murdochs Lächeln verschwindet.
„Du bist weit weg von zu Hause, Ranger.“
„Es gibt nicht viele Aussteiger in Deiner Branche, Murdoch. Die Wenigen, die es gibt, interessieren uns sehr.“ Der Ranger grinst schief, aber seine Augen bohren sich in die seines Gegners.
„Tut mir leid – ich habe genug vom Verstecken Spielen, Lügen und vertuschen. Ich gehe meinen eigenen Weg.“ Murdoch wirft einen letzten Blick auf sein Blatt, dann verschwinden die Karten.
„Dann soll es so sein.“ Der Ranger wirft einen Blick auf die Kirchturmuhr. „Du kennst unser Motto.“
Murdochs Blick verlässt keine Sekunde den des Rangers.
„Shoot it or recruit it. Ich bin gespannt.“
Die Kirchenglocke beginnt zu schlagen.
Die Blicke der Kontrahenten brennen sich ineinander. Die Hände bewegen sich leicht über die Kolben, lockern die Waffen in den Holstern.
Der zwölfte Glockenschlag wird von donnernden Schüssen verschluckt. Pulverdampf verdeckt nach wenigen Augenblicken die Szenerie. Als er aufsteigt, enthüllt er einen taumelnden Texas Ranger, der sich den linken Arm hält, und eine reglose Gestalt am Boden. Wie zum Hohn steht die Grubenlampe aufrecht neben Murdoch am Boden und flackert in einem bläulichen Licht.
Der Ranger nähert sich vorsichtig, zielt, und leert den Revolver aus nächster Nähe in Murdochs Schädel.
„Schlechte Karten, Wiedergänger.“ presste er hervor, während er seine Waffe nachlud.
„Full House“ hörte er noch, als ein Fächer aus leuchtenden Karten seinen Rechten Arm beinahe aus der Schulter riss. Der Schmerz überwältigte ihn und er verlor das Bewusstsein.


Das Gluckern von Öl erweckte den Ranger aus seiner Bewusstlosigkeit. Er versuchte, sich zu bewegen, aber der Schmerz in seinen Armen raubte ihm fast wieder die Sinne. Murdoch trat in sein Blickfeld, ein leeres Ölfass in den Händen.
„Ich hab's Dir gesagt, Ranger. Was jetzt passiert, geht auf dein Konto.“ Das Ölfass klapperte zu Boden, als Murdoch die Laterne öffnete. Er hielt ein Streichholz an die blaue Flamme, die gierig darauf übersprang.
„Wir sehen uns in der Hölle, Murdoch!“
Das Streichholz flog in einem flachen Bogen auf die Brust des Rangers. In Sekundenschnelle fressen sich blaue Flammen in sein Fleisch.
Murdoch bleibt stehen, bis die Schreie verklingen. Dann hebt er die Flamme wieder in die Laterne und wendet sich ab. „Erst muss ich Justice finden. Dann kann die Hölle kommen.“

The sorry story of Crowley



Crowley erwachte in völliger Finsternis. Sein Schädel klang immer noch nach vom Aufprall des Gewehrkolbens. Verdammt nochmal, was haben Hawkins und eine Gang wieder angestellt, das er das hier verdient hatte? Was war das hier überhaupt? Er versuchte aufzustehen, aber Hand- und Fußgelenke waren fixiert.
„OK, was soll das. Sie haben soeben einen Bundesbeamten angegriffen und gefesselt. Sind Sie sich der Konsequenzen Ihres Handelns überhaupt bewusst?“ Ein Bluff konnte nie schaden, aber dieser verschwand wirkungslos in der Finsternis.

Nun, offensichtlich hatten Sie den Renrakuschläfer zum Handeln gezwungen. Er konnte nur hoffen, das Smooth ihn aus dieser Misere holen würde.

Plötzliches Licht. Als würde in der Ferne eine Tür geöffnet. Dann Schritte – nein, keine Schritte, Hufschläge. Ein Pferd? Aber das machte keinen Sinn – bei dieser völligen Finsternis musste er in einem Gebäude sein. Der Reiter kam näher. Er ritt auf einem bleichen Pferd, schien aus eigener Kraft zu leuchten. Der Reiter trug eine Art Mantel oder Kutte und – eine Sense? Das war nun völlig absurd. Aber tatsächlich kam ihm der Grimme Schnitter persönlich entgegen geritten. Immer näher, schneller. Crowley warf sich hin und her. Das konnte doch nicht real sein! Aber all seine Sinne schrien ihm diese Wahrheit entgegen, und seine panisch geweiteten Augen spiegelten sich auf dem gnadenlosen Blatt der Sense, als sie herunterfuhr – und das Licht im Operationssaal anging.

Ein ohrenbetäubendes Kreischen lag ihm in den Ohren, das erst verstummte, als er merkte, das er selber es ausstieß. Ein Mann schob sich von der Seite in sein Blickfeld. Sein blutüberströmter Arztkittel und die OP Handschuhe mit der komplexen Verkabelung, die unter dem Tisch verschwanden, hätten ihm schon eine Hauptrolle in einem beliebigen Horrorfilm ermöglicht, aber der wahre Schrecken lag in seine Augen. Tote, metallische Kugeln, eingebettet in ein Gewirr aus Narben. Gelegentlich schien etwas über Ihre Oberfläche zu huschen, wie ein Schatten. Dann wieder leuchteten rote Lichter in der Tiefe auf, oder sie wurden komplett weiß, dann spiegelten Sie Crowley eigenen Blick wieder. Es war faszinierend, aber auch hochgradig verstörend im Gesicht eines Menschen.

„Überraschend, wie leicht unsere Sinne getäuscht werden, nicht wahr.“ Seine Stimme war leise, belegt, als wäre er erkältet. „Es sind so wenige, so winzige Signale, die uns erzählen, was Realität ist und was nicht. Schauen Sie“ Und zu Crowleys Grauen nahm er ein Auge aus seiner Tasche, komplett mit baumelndem Sehnerv. Seine Finger glitten liebevoll den Nerv entlang. „Eine simple optische Faser. Es hat lange gedauert, aber endlich können wir leistungsfähigere Leitungen als diese bauen. Die dieselben Informationen überragen. Oder ganz andere.

„Dies hier“ er hielt Crowley das Auge selbst ins Gesicht „ist nichts weiter als eine Linse, ein Gerät zum Einfangen und bündeln von Licht. Und das ist alles was diese Realität“ er legte einen Schalter um „von dieser trennt“

Pandämonium. Blitze zuckten vom Himmel. Der Doktor trägt eine grinsende Totenfratze, seine Augen sind zahnbewehrte Schlünde. Crowley kann nicht anders, er schreit, bäumt sich in seinen Fesseln auf.

Klick. Der Doktor sieht wieder völlig normal aus.

„Ein dünner Schleier. Eine simple Illusion. Aber ich habe sie durchdrungen. Ich habe die Wahrheit gesehen. Hinter dieser Realität liegt eine andere. Und dahinter vielleicht noch eine. Und noch eine. Wer weiß, vielleicht hat ja jeder von uns eine eigene Realität. Eine eigene Wahrheit. Ich weiß nur, das mir die Mittel gegeben wurden, diesen Schleier zu durchstoßen.“
OK, das war genug des schurkischen Monologs. Crowley beschloss, das Ganze auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.
„Das ist ja interessant, Mister. Oder ist es Doktor? Mit wem spreche ich überhaupt?“
Mein Name ist Sings with Bears, Dr. Jonathan Sings with Bears. MD. Ich bin ein Heiler, wie schon meine Vater und all seine Vorfahren. Ein Medizinmann. Nur habe ich eingesehen, dass in manchen Fällen Kräuter, Gesänge und Geister nicht helfen können. Oder wollen. Wie bei meiner kleinen Schwester.

„Also beschloss ich, in der optischen Prostethik zu forschen. Aber Forschung kostet Geld, und Geld gibt es nur begrenzt. Außer, man arbeitet für die richtigen Leute„ Er machte eine weitschweifende Bewegung mit dem Arm, und um Ihn herum erleuchteten Halogenlampen unzählige High-Tech Operationstischen, Workstations und diverse robotische Chirurgieeinheiten.

„Bear Island war ein Traum für Forscher. Budget war keine Frage, die Fortschritte unfassbar schnell. Und dann, wie in jedem Traum, das Erwachen. Die Übertragungs- und Akzeptanzrate der Prothesen war perfekt. Kaum noch Abstoßungen, glasklare Signalübertragung. Und wer brachte meine Werk beinahe zu Fall? Eine Verhaltensforscherin. Ein Pferdeflüsterer. Es war lächerlich. Er behauptete, schwere Verhaltensstörungen bei den Versuchsobjekten festzustellen. Ihre Gewaltbereitschaft sei unverhältnismäßig hoch, sie seien von den zusätzlichen Sinneseindrücken überfordert und psychotisch geworden. Er lehnte jeden Versuch am Menschen ab.“

„Es war zu ungefähr dieser Zeit, als oben auf der Insel die Lager eingerichtet wurden. Als ich also in meiner Welt keinen Rat mehr fand, suchte Ich ihn bei den geistern. Zusammen mit Man of the Loon und Raven machte ich mich auf eine Reise der Läuterung. Wir schwitzten und rauchten beinahe eine Woche, aber schließlich bekam ich eine Antwort – eine Vision! Der Mann ohne Augen erschien mir. Der Augenfresser. Ich will sie nicht mit Details langeweilen – „

„Brauchen sie auch nicht“ – unterbrach Crowley. „Ich kenne die Story. Ein alter Buhmann der Sious, wenn mich nicht alles täuscht. Der Augenfresser war so eitel und in seinn Anblick verliebt, das er sein eigenes verdorbenes Inneres nicht mehr sehen konnte. Also nahm Manitu ihm seine Augen, auf das er den Blick nach innen richtet. Hat leider nicht geklappt und jetzt durchstreift er die Nacht auf der Suche nach Augen, die ihm die Wahrheit zeigen. Sieht irgendwie unappetitlich aus, er hat Mäuler anstelle von Augenhöhlen.“

„Ganz genau! Und mein Weg war klar – ich musste zu ihm werden! Zum Mann ohne Augen. Aber meine Augen der Wahrheit hatte ich schon. Ich hatte sie selbst gebaut! Die Operation war nicht einfach. Auch, wenn die Autodocs viel selber machen können, stand eine Narkose natürlich außer Frage. Aber Raven stand mir zur Seite – er erschien mir im Delirium meiner Schmerzen und gemeinsam sangen wir die alten Lieder. Es war erhebend. Und schließlich war es getan. Und der Aufstieg von der Dunkelheit ins Licht war – pure Erleuchtung. Keine Unklarheiten. Keine Zweideutigkeiten, keine Schatten. Nie wieder Blinzeln. Jeder Moment, jedes einzelne Bild, vollkommene Klarheit. Dieses Geschenk musste ich weitergeben. Als erstes dem Verhaltensforscher. Aber irgendetwas bei der Operation schien nicht richtig zu funktionieren. Als er aus der Narkose erwachte, sah er nicht so klar wie ich. Raven erklärte mir das Problem. Das Ritual der Operation selbst, der Schmerz, die Visionen – all das war Teil des Erwachens. Zum Glück kamen wir gemeinsam auf eine Idee. Auch, wenn die Operation schon vollzogen war, durch seine neuen Augen war es uns möglich, ihm all die Wahrheiten und Erfahrungen zu zeigen, die er brauchte. Es dauerte ein paar Tage, aber schließlich erkannte er den Weg. Und mit ihm gemeinsam entwarfen wir die Vision. Die glorreiche Vision. Ob Mensch oder Tier, mit der Vision konnten wir allen den rechten Weg zeigen!“ Er hob einen Chip

„Aber am besten ist weiterhin, die Operation mitzuerleben. Der Schmerz ist ein Katalysator, er weißt Dir den Weg nach innen.“ Ein bedrohliches Surren ertönte, die Operationsarme über dem Tisch begannen sich zu bewegen. „Aber das wirst Du ja bald sehen. Für immer“


Rot. Die Welt ist rot. Und laut. Dämonen. Der Augenlose. Ein monströser Bär. Schmerz. Flackernde Gestalten, die weiß glühenden Tod bringen. Stimmen.
„Verdammt, es ist Crowley. Was hat er mit ihm gemacht?“

Schwarz. Die Welt wird schwarz.




Weiß. Die Welt ist weiß. Und kalt. Er wird gezerrt, halb getragen. „Selbstzerstörungssequenz abgeschlossen.“ Hitze. Er fliegt. Die Welt oben ist weiß und kalt, unten rot und heiß.

„Komm schon Crowley, wir müssen hier weg.“ Smooth. Ist er das? Es ist sein Gesicht. Aber er ist – so unwirklich. Sie alle wirken so – scharf. Und plötzlich sind sie alle weg, ersetzt durch farbige Umrisse, rot, blau, wabernd. Er schreit.

Schwarz. Die Welt ist schwarz.


„Ist er wach?“
„Ich weiß nicht. Schwer zu sagen. Die Vitalfunktionen sind gleichbleibend.“
„Aber seine – Augen – sind doch offen.“
„Er kann sie nicht schließen. Seine Augenlider…“

Sprechen Sie über ihn? Er ist nicht sicher. Träumt er. Er sieht die beiden ganz klar, Smooth und Hawkins. Aber sind sie es wirklich. sie sind so scharf gezeichnet, und doch liegt ein Wabern über ihnen. Als er sich konzentriert, verschwinden Ihre Gesichtszüge in Farben. Rot, Gelb orange, der Rest des Zimmers blau. Er schreit auf.

Crowley! Crowley, bist Du wach?“

“Ich, ich weiß nicht.” Er erhebt seine Hand, und auch sie ist rot und gelb. Die Farben verschwinden. Seine Hand ist so gestochen scharf wie noch nie in seinem Leben. Er kann jedes Haar, jede Furche sehen. Aber ist das wirklich seine Hand.

  • Nur eine Illusion –

„Ihr – wo bin ich?“
„Chicago General. Nach der Explosion habe wir uns ausfliegen lassen. Skinner dreht völlig am Rad, aber es gibt keinerlei Aufzeichnungen aus dem Lager. Trout hält still, McLusky ist unehrenhaft entlassen worden, und der ganze Ausbruch wird den Sons of Raven angelastet. Die Explosion passt ja ganz gut in Ihr Portfolio, und naja, ganz so falsch ist es ja nicht. Raven war immerhin da.“

  • Der schwarze Vogel kennt die Wahrheit – erwache! -

Blut, Gewalt. Zerfetzte Körper, gesichtslose Truppen marschieren. Hände greifen nach ihm. Der Schwarze Vogel kreist, seine Augen ruhen auf Ihm. Er schlägt um sich Hände ergreifen ihn, er bäumt sich auf.

„Um Himmels Willen Crowley, beruhige Dich! Es ist vorbei!“

Smooths Gesicht unmittelbar vor seinem. Unfassbar scharf, detailliert.

„Nein, Smooth. Nicht für mich.“

Es ist nicht leicht, Grün zu sein

Der Anruf riss Jennifer aus unruhigen Träumen. Die Bilder Ihres Abstiegs in die Hölle würden Sie wahrscheinlich nie mehr wirklich verlassen, aber Schlaftabletten halfen.

Träge griff sie nach dem schwer modifizierten Telefon an auf Ihrem Nachttisch, das sichere Verbindungen zu Ihren diversen Kontakten ermöglichte.

Sie aktivierte das Telefon und wartete – schon lange gab sie keine Informationen mehr Preis, wenn es nicht nötig war.

„Jennifer? Bist Du das? Ich bin’s Bear. Ich brauche Deine Hilfe.“

Sie erstarrte – die Stimme, der Name, all das trug sie zurück in eine Zeit, die sie eigentlich hinter sich lassen wollte.


Februar, 2003 Norwegische Küste, 100 Km nördlich von Bergen.

Bear und Jennifer lagen zusammen mit 4 anderen Greenpeace Aktivisten im Schutz eines Tarnnetzes. Jennifer spähte durch ein Fernglas, während Bear seine Augen mit der Hand schützte.

„Du hattest, recht, Bear. Das ist keine Geothermalanlage. Die Hitzewerte stimmen nicht im Geringsten – da geht irgendwas anderes vor.“

„Tierversuche – ich sage Dir, sie experimentieren an Walen. Wir haben Ihre Schiffsbewegungen seit Monaten erfolgt. Sie haben lebende Wale da reingeschleppt.“
Er griff nach Ihrer Hand. „Wir müssen etwas tun – ich spüre Ihr Leiden!“

Jennifer ließ das Fernglas sinken und sah ihn an. Sein wettergegerbtes Gesicht mit den tiefliegenden, dunklen Augen, in denen so viel Schmerz stand. Die langen, dunklen Haare, zu einem Zopf zusammengebunden, die sie so gerne auf Ihrem Gesicht spürte.

„Es wird gefährlich, Bear. Die Wachen dort haben automatische Waffen. Wem auch immer diese Anlage gehört, er versteht keinen Spaß.“

„Es tut mir leid, dass ich Dich darum bitten muss – aber ich kann es nicht ohne Dich.“

„Dann los!“



Der Zaun war kein Problem – sie musste eine Kamera ausschalten und ein paar Berührungssensoren überbrücken, dann konnten Ihre Leute das Loch schneiden. Sie schätzte, das sie 15 Minuten hatten, bevor eine Patrouille wieder hier vorbei käme, und mit Glück würden Sie die Öffnung nicht einmal bemerken.

Sie führte Ihre kleine Gruppe zu dem großen Gebäude, das auf Luftaufnahmen wie ein Kraftwerk aussah. Die Tür war Passwortgeschützt, aber sie kannte das Modell und konnte mit wenigen Handgriffen den Fehlersuchmodus auslösen und dann mit der Werks-ID die Tür öffnen. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Klicken.

„Habt Ihr die Kameras bereit? Wir haben nicht mehr viel Zeit.“

Einer der Aktivisten hob den Camcorder, und den Daumen der anderen Hand.

Sie huschten durch neonerhellte Gänge, die irgendwie klinisch anmuteten. Sie passierten diverse Türen mit Warnzeichen für Biologische Gefahrenstoffe, aber Ihr Ziel war weiter unten. Diese Anlage hatte einen Zugang zum Meer, und sie zog sich bis tief in die Klippen des Fjordes - das musste einen Sinn haben.

Schließlich mussten Sie eine letzte Tür überwinden – Jennifer lächelte darüber, wie gut viel einfacher es Ihren Job machte, wenn Konzerne Ihre Schlösser alle vom selben Hersteller kauften.

Die Tür, schon eher ein Tor, öffnete sich auf einen metallenen Steg über einem gewaltigen Raum. Das Rauschen des Meeres gelangte an Ihre Ohren, und tatsächlich öffneten sich unter Ihren Füßen der Raum in eine gewaltige Höhle, durchspült von den Wellen der Nordsee.

In diesem Moment erklang ein langgezogener, trauriger Ruf – ein Geräusch, so voller Leid und Schmerz, dass er sie unmittelbar ins Herz traf.

Das Wesen, das diesen Ruf von sich gab, lag angekettet in der Mitte des Beckens. Unzählige Kabel, Leitungen, Röhren und Schläuche durchzogen das Gezeitenbecken und trafen auf die gräuliche Haut des Wals, drangen in seinen Körper und seinen Kopf ein wie gierige Saugrüssel eines mechanischen Insekts.. Unzählige Maschinen, Computer und Gerätschaften bedeckten den Rand des Beckens, und metallische Stege führten über den Körper hinweg und um Ihn herum.

„Das ist – das ist –“ Der Kameramann murmelte unzusammenhängend. Das Ausmaß des Grauens war nicht in Worte zu fassen. Jennifer schüttelte den Kopf. Auch wenn Sie selber keine Ökoaktivistin war wie Bear, das da unten war eine Vergewaltigung der Natur. Dieses Video würde dem Treiben ein Ende machen, wer auch immer die Hintermänner hinter Thermal Dynamics, Inc waren.

Ein Scheppern unter Ihr ließ Sie aufschrecken.

„Oh Nein…“ Sie erblickte Bears Gestalt, der sich über einen der Stege der Maschinerie näherte, die den Wal festhielt. Sie schüttelte den Kopf.
„Ihr drei macht, dass Ihr hier rauskommt. Was auch immer passiert, der Film muss an die Öffentlichkeit. Ramirez, Du bleibst hier und piepst mich an, wenn Irgendwer kommt. . Was immer Bear da unten vorhat, wir müssen Ihm den Rücken decken. Wenn Bear nur nicht diesen Old Way Unsinn im Kopf hätte, dann würde er auch ein verdammtes Funkgerät tragen!“

Ramirez nickte und tippte an das Gerät an seiner Brust.

Geschmeidig ließ Jennifer sich am Steg herab – Ihre Landung auf dem Steg darunter machte beinahe kein Geräusch. Geräuschlos huschte Sie hinter Bear her, der inzwischen auf den Steg zum Kopf des Wales geklettert war. Er stand nahe bei Auge des Tieres und legte seine Hand auf die Haut. Sein Kopf war gesenkt, und seine Schultern zitterten.

„Bear“ zischte Jennifer. Was treibst Du hier?

„Sie hat Angst, Jenny. So große Angst. Er öffnete die Augen und stellte sich vor das gewaltige Auge des Meeressäugers. „Hab keine Angst, Schwester – wir holen Dich hier raus.“

„Bist Du Irre? Wie sollen wir denn einen WAL hier raus schaffen! Wir haben die Aufnahmen, die Anlage hier ist geliefert. Innerhalb von Tagen werden sie die Bude hier dichtmachen.“

„Und was glaubst Du, was sie mit Ihr machen?“

Jennifer schwieg.

„Komm, ich glaube, wir müssen nur diese größeren Kabel entfernen, dann müsste Sie sich losreißen können. Sie haben Sie unter Drogen gesetzt, aber ich denke, ich kann zu Ihr durchdringen und sie wecken.“

Ein paar Minuten sah es aus, als könnte der Plan sogar funktionieren. Bear und Jennifer fanden die Verankerungssystem für die größeren Stahlkabel und schafften es, 8, der 12 die Mechanismen zu lösen, als Ihr Funkgerät knisterte.
„Jenny, da kommt – argh“ Der Schrei wurde übertönt vom trockenen Husten einer automatischen Waffe. Jennys Blick ruckte nach oben und sah gerade noch Ramirez Körper in einer Kistenablage aufschlagen. Auf dem Steg stand ein Wachmann, eine rauchende Waffe in der Hand.

„Verdammt – Bear, du kümmerst Dich um die Verankerungen – ich versuche den Typ abzulenken!“

Mit einem Satz hechtete sie hinter eine Ansammlung komplexer Maschinen. Sie griff in einer Ihrer Beintaschen und griff sich eine Ihrer „Shit hits the fan“ Überraschungen. Sie stellte den Time auf 2 Sekunden, warf das Paket nach oben und sprang dann mit geschlossenen Augen auf.

„ich ergebe mich, nicht schießen!“ Der Wachmann blickte genau rechtzeitig in Ihre Richtung, um die volle Ladung der Blendgranate abzubekommen.

„Der schießt für mindestens eine Minute nicht mehr.“ Murmelte sie zu sich, während sie schon auf dem Weg zur nächsten Tür in den Hangar war. Mittels eines Thermitstiftes zerschmolz sie die Scharniere der Tür innerhalb weniger Sekunden, so das von hier definitiv keine Verstärkung kommen würde. Aber es gab einfach zu viele Zugänge. Auf der anderen Seite des Wals Hörte sie eine Tür auffliegen, gleichzeitig ertönten plötzlich Alarmsirenen und diverse gelbe Scheinwerfer blinkten ins Leben.

„Noch zwei Anker“ ertönte es von der Seite des Wals. Ein weiteres, langgezogenes Seufzen oder Jaulen kam von dem Tier. Träge bewegte sich seine Schwanzflosse, und diverse Anschlüsse rissen ab.

Jennifer setzte wie eine Hürdenläuferin über diverse Tische und Apparaturen. Unterwegs zog sie Ihre Walter PPK aus dem Hüfthalfter. Erste Schüsse ertönten von der anderen Seite des Wals, aber dem Fluchen nach zu urteilen hatte noch niemand Bear getroffen.

Stattdessen hörte sie ein Grunzen, einen Aufschrei und ein gewaltiges Scheppern. Als sie den Raum soweit umrundet hatte, sah sie einen Wachmann unter einem Tisch begraben, den Bear durch die Luft gewuchtet hatte.

Nach einem kurzen Lagecheck zielte sie und drückte dreimal ab. Die Seite der Halle wurde deutlich dunkler, nachdem sie die zentralen Scheinwerfer zerschossen hatte.

„Noch einer, Jenny. Komm rauf hier.“

Verwundet wandte sie sich um. Bear stand oben auf dem Wal, nah des Spundlochs, und hatte einen gewaltigen Bolzenschneider über der Schulter.

„Das ist nicht Dein Ernst, Bear.“ Schüsse pfiffen um seinen Kopf, und er duckte sich herunter.

„Sie bringt uns hier raus, keine Sorge. Es gibt noch genug Schläuche zum fest halten.“

„Ich glaube das einfach nicht“, murmelte Jennifer und hastete über die Stege in Richtung des Wals. Eine kurze Steigung später kauerte sie neben Ihm auf dem Rücken des Meeressäugers.

„Hilf mir, dieses Kabel hier ist widerspenstig.“ Er deutete auf einen letzten, unterarmdicken Kabelstrang, in den sich der Bolzenschneider verbissen hatte. Er legte sich gegen einen der Arme, Jennifer lehnte sich gegen den anderen.

„Wenn wir das hier überleben, bringe ich Dich um, Bear.“

„Und ich gehe mit Freuden in die ewigen Jagdgründe ein! Nun drück!“

Sie legten Sich beide mit vollem Gewicht gegen den Bolzenschneider, und quälend langsam fraßen sich die Schneiden tiefer in das Kabel. Plötzlich explodierte ein brennender Schmerz in Jennys Unterschenkel – mit einem quälenden Schrei rutschte sie ab.

Der Rücken des Wals war rutschig, und ausgerechnet in Ihrer unmittelbaren Umgebung gab es nichts zu greifen – das konnte doch nicht – eine Hand schloss sich um Ihren Unterarm und stoppte Ihren Fall.

„So leicht kommst Du mir nicht davon, Jenny!„ Bear hing mit einem Arm an einem Kabelgewirr, der andere Hielt sie fest.

„Und jetzt? Das Kabel ist nicht durch!“
„Nun, dann muss unser Mädchen den Rest alleine machen.“ Bear schloss die Augen und konzentrierte sich. Sie sah, wie sich seine Lippen bewegten, als würde er irgend etwas singen, was sie nicht hören konnte.

Ein Beben ging durch den Körper des Wals. Ein weiteres, klagendes Heulen kam aus dem Spundloch, und jetzt konnte Jenny diesen Ruf mit Ihrem ganzen Körper spüren.

Der Wall bäumte sich auf. Mit ohrenbetäubenden Knall und Sirren zerriss das letzte Haltekabel, und unzählige andere Verbindungen rissen aus Halterungen. Also der Körper des Wals wieders ins Wasser klatschte, überflutete er die halbe Höhle mit einer gewaltigen Welle und riss die letzten Wachleute von den Beinen. Bears Finger gruben sich tief in Jennys Arm.

„Mach Dich auf eine wilden Ritt gefasst!“ brüllte er zu Ihr herüber, und dann versank die Welt in Schaum und Fluten, als der Wal sich herumwarf und auf den Weg in die Freiheit machte.


Jennifer und Bear zitterten gemeinsam unter der Schutzdecke, die Ihre Greepeacefreunde über sie gelegt hatten. Jennifers Finger klammerten sich um den Metallbecher mit heißem Tee, während Sie den Wal in der Ferne verschwinden sah. Ein letztes Mal erhob sich die gewaltige Finne wie zum Gruß, bevor sie im Meer verschwand.

„Meinst Du, sie schafft es? Mit all diesem Mist in Ihr drin?“
„Ich glaube schon – sie ist ein starkes Mädchen, und tatsächlich schienen diese Monster sie einigermaßen gesund gehalten zu haben. Sie hatten wohl noch lange was mit Ihr vor. Und selbst, wenn nicht. Ein Tod in der Freiheit ist allemal besser als diese Folter.“
„Sie haben Ramirez erschossen, Bear. Ich weiß nicht, wo das alles noch hinführen soll. Parks hat über einen Gegenschlag gesprochen, und es gibt einen Haufen Leute die meinen, mit Filmen und Propaganda allein kommen wir nicht weiter.“
Bear war einen Moment still. „Wenn das Ihr Weg ist, dann sollen Sie ihn einschlagen. Mein Volk hat sich in der Vergangenheit immer wieder mit Waffengewalt gewehrt, aber hat uns das den Sieg gebracht? Ich glaube nicht an Gewalt, Jenny.“
Jennifer schwieg, und sie schmiegte sich unter der Decke an Bear, um seine Wärme zu spüren. Sie wollte jetzt nicht an die Zukunft denken. Sie wollte glauben, das Sie heute etwas erreicht hatten, etwa Gutes. Wer weiß schon, was der Morgen bringen würde?