Crowley erwachte in völliger
Finsternis. Sein Schädel klang immer noch nach vom Aufprall des
Gewehrkolbens. Verdammt nochmal, was haben Hawkins und eine Gang
wieder angestellt, das er das hier verdient hatte? Was war das hier
überhaupt? Er versuchte aufzustehen, aber Hand- und Fußgelenke
waren fixiert.
„OK, was soll das. Sie haben soeben
einen Bundesbeamten angegriffen und gefesselt. Sind Sie sich der
Konsequenzen Ihres Handelns überhaupt bewusst?“ Ein Bluff konnte
nie schaden, aber dieser verschwand wirkungslos in der Finsternis.
Nun, offensichtlich hatten Sie den
Renrakuschläfer zum Handeln gezwungen. Er konnte nur hoffen, das
Smooth ihn aus dieser Misere holen würde.
Plötzliches Licht. Als würde in der
Ferne eine Tür geöffnet. Dann Schritte – nein, keine Schritte,
Hufschläge. Ein Pferd? Aber das machte keinen Sinn – bei dieser
völligen Finsternis musste er in einem Gebäude sein. Der Reiter kam
näher. Er ritt auf einem bleichen Pferd, schien aus eigener Kraft zu
leuchten. Der Reiter trug eine Art Mantel oder Kutte und – eine
Sense? Das war nun völlig absurd. Aber tatsächlich kam ihm der
Grimme Schnitter persönlich entgegen geritten. Immer näher,
schneller. Crowley warf sich hin und her. Das konnte doch nicht real
sein! Aber all seine Sinne schrien ihm diese Wahrheit entgegen, und
seine panisch geweiteten Augen spiegelten sich auf dem gnadenlosen
Blatt der Sense, als sie herunterfuhr – und das Licht im
Operationssaal anging.
Ein ohrenbetäubendes Kreischen lag ihm
in den Ohren, das erst verstummte, als er merkte, das er selber es
ausstieß. Ein Mann schob sich von der Seite in sein Blickfeld. Sein
blutüberströmter Arztkittel und die OP Handschuhe mit der komplexen
Verkabelung, die unter dem Tisch verschwanden, hätten ihm schon eine
Hauptrolle in einem beliebigen Horrorfilm ermöglicht, aber der wahre
Schrecken lag in seine Augen. Tote, metallische Kugeln, eingebettet
in ein Gewirr aus Narben. Gelegentlich schien etwas über Ihre
Oberfläche zu huschen, wie ein Schatten. Dann wieder leuchteten rote
Lichter in der Tiefe auf, oder sie wurden komplett weiß, dann
spiegelten Sie Crowley eigenen Blick wieder. Es war faszinierend,
aber auch hochgradig verstörend im Gesicht eines Menschen.
„Überraschend, wie leicht unsere
Sinne getäuscht werden, nicht wahr.“ Seine Stimme war leise,
belegt, als wäre er erkältet. „Es sind so wenige, so winzige
Signale, die uns erzählen, was Realität ist und was nicht. Schauen
Sie“ Und zu Crowleys Grauen nahm er ein Auge aus seiner Tasche,
komplett mit baumelndem Sehnerv. Seine Finger glitten liebevoll den
Nerv entlang. „Eine simple optische Faser. Es hat lange gedauert,
aber endlich können wir leistungsfähigere Leitungen als diese
bauen. Die dieselben Informationen überragen. Oder ganz andere.
„Dies hier“ er hielt Crowley das
Auge selbst ins Gesicht „ist nichts weiter als eine Linse, ein
Gerät zum Einfangen und bündeln von Licht. Und das ist alles was
diese Realität“ er legte einen Schalter um „von dieser trennt“
Pandämonium. Blitze zuckten vom
Himmel. Der Doktor trägt eine grinsende Totenfratze, seine Augen
sind zahnbewehrte Schlünde. Crowley kann nicht anders, er schreit,
bäumt sich in seinen Fesseln auf.
Klick. Der Doktor sieht wieder völlig
normal aus.
„Ein dünner Schleier. Eine simple
Illusion. Aber ich habe sie durchdrungen. Ich habe die Wahrheit
gesehen. Hinter dieser Realität liegt eine andere. Und dahinter
vielleicht noch eine. Und noch eine. Wer weiß, vielleicht hat ja
jeder von uns eine eigene Realität. Eine eigene Wahrheit. Ich weiß
nur, das mir die Mittel gegeben wurden, diesen Schleier zu
durchstoßen.“
OK, das war genug des schurkischen
Monologs. Crowley beschloss, das Ganze auf den Boden der Tatsachen
zurück zu holen.
„Das ist ja interessant, Mister. Oder
ist es Doktor? Mit wem spreche ich überhaupt?“
„Mein
Name ist Sings with Bears, Dr. Jonathan Sings with Bears. MD.
Ich bin ein Heiler, wie schon meine Vater und all seine Vorfahren.
Ein Medizinmann. Nur habe ich eingesehen, dass in manchen Fällen
Kräuter, Gesänge und Geister nicht helfen können. Oder wollen. Wie
bei meiner kleinen Schwester.
„Also beschloss ich, in der optischen
Prostethik zu forschen. Aber Forschung kostet Geld, und Geld gibt es
nur begrenzt. Außer, man arbeitet für die richtigen Leute„ Er
machte eine weitschweifende Bewegung mit dem Arm, und um Ihn herum
erleuchteten Halogenlampen unzählige High-Tech Operationstischen,
Workstations und diverse robotische Chirurgieeinheiten.
„Bear Island war ein Traum für
Forscher. Budget war keine Frage, die Fortschritte unfassbar schnell.
Und dann, wie in jedem Traum, das Erwachen. Die Übertragungs- und
Akzeptanzrate der Prothesen war perfekt. Kaum noch Abstoßungen,
glasklare Signalübertragung. Und wer brachte meine Werk beinahe zu
Fall? Eine Verhaltensforscherin. Ein Pferdeflüsterer. Es war
lächerlich. Er behauptete, schwere Verhaltensstörungen bei den
Versuchsobjekten festzustellen. Ihre Gewaltbereitschaft sei
unverhältnismäßig hoch, sie seien von den zusätzlichen
Sinneseindrücken überfordert und psychotisch geworden. Er lehnte
jeden Versuch am Menschen ab.“
„Es war zu ungefähr dieser Zeit, als
oben auf der Insel die Lager eingerichtet wurden. Als ich also in
meiner Welt keinen Rat mehr fand, suchte Ich ihn bei den geistern.
Zusammen mit Man of the Loon und Raven machte ich mich auf eine Reise
der Läuterung. Wir schwitzten und rauchten beinahe eine Woche, aber
schließlich bekam ich eine Antwort – eine Vision! Der Mann ohne
Augen erschien mir. Der Augenfresser. Ich will sie nicht mit Details
langeweilen – „
„Brauchen sie auch nicht“ –
unterbrach Crowley. „Ich kenne die Story. Ein alter Buhmann der
Sious, wenn mich nicht alles täuscht. Der Augenfresser war so eitel
und in seinn Anblick verliebt, das er sein eigenes verdorbenes
Inneres nicht mehr sehen konnte. Also nahm Manitu ihm seine Augen,
auf das er den Blick nach innen richtet. Hat leider nicht geklappt
und jetzt durchstreift er die Nacht auf der Suche nach Augen, die ihm
die Wahrheit zeigen. Sieht irgendwie unappetitlich aus, er hat Mäuler
anstelle von Augenhöhlen.“
„Ganz genau! Und mein Weg war klar –
ich musste zu ihm werden! Zum Mann ohne Augen. Aber meine Augen der
Wahrheit hatte ich schon. Ich hatte sie selbst gebaut! Die Operation
war nicht einfach. Auch, wenn die Autodocs viel selber machen können,
stand eine Narkose natürlich außer Frage. Aber Raven stand mir zur
Seite – er erschien mir im Delirium meiner Schmerzen und gemeinsam
sangen wir die alten Lieder. Es war erhebend. Und schließlich war es
getan. Und der Aufstieg von der Dunkelheit ins Licht war – pure
Erleuchtung. Keine Unklarheiten. Keine Zweideutigkeiten, keine
Schatten. Nie wieder Blinzeln. Jeder Moment, jedes einzelne Bild,
vollkommene Klarheit. Dieses Geschenk musste ich weitergeben. Als
erstes dem Verhaltensforscher. Aber irgendetwas bei der Operation
schien nicht richtig zu funktionieren. Als er aus der Narkose
erwachte, sah er nicht so klar wie ich. Raven erklärte mir das
Problem. Das Ritual der Operation selbst, der Schmerz, die Visionen –
all das war Teil des Erwachens. Zum Glück kamen wir gemeinsam auf
eine Idee. Auch, wenn die Operation schon vollzogen war, durch seine
neuen Augen war es uns möglich, ihm all die Wahrheiten und
Erfahrungen zu zeigen, die er brauchte. Es dauerte ein paar Tage,
aber schließlich erkannte er den Weg. Und mit ihm gemeinsam
entwarfen wir die Vision. Die glorreiche Vision. Ob Mensch oder Tier,
mit der Vision konnten wir allen den rechten Weg zeigen!“ Er hob
einen Chip
„Aber am besten ist weiterhin, die
Operation mitzuerleben. Der Schmerz ist ein Katalysator, er weißt
Dir den Weg nach innen.“ Ein bedrohliches Surren ertönte, die
Operationsarme über dem Tisch begannen sich zu bewegen. „Aber das
wirst Du ja bald sehen. Für immer“
Rot. Die Welt ist rot. Und laut.
Dämonen. Der Augenlose. Ein monströser Bär. Schmerz. Flackernde
Gestalten, die weiß glühenden Tod bringen. Stimmen.
„Verdammt, es ist Crowley. Was hat er
mit ihm gemacht?“
Schwarz. Die Welt wird schwarz.
Weiß. Die Welt ist weiß. Und kalt. Er
wird gezerrt, halb getragen. „Selbstzerstörungssequenz
abgeschlossen.“ Hitze. Er fliegt. Die Welt oben ist weiß und kalt,
unten rot und heiß.
„Komm schon Crowley, wir müssen hier
weg.“ Smooth. Ist er das? Es ist sein Gesicht. Aber er ist – so
unwirklich. Sie alle wirken so – scharf. Und plötzlich sind sie
alle weg, ersetzt durch farbige Umrisse, rot, blau, wabernd. Er
schreit.
Schwarz. Die Welt ist schwarz.
„Ist er wach?“
„Ich weiß nicht. Schwer zu sagen.
Die Vitalfunktionen sind gleichbleibend.“
„Aber seine – Augen – sind doch
offen.“
„Er kann sie nicht schließen. Seine
Augenlider…“
Sprechen Sie über ihn? Er ist nicht
sicher. Träumt er. Er sieht die beiden ganz klar, Smooth und
Hawkins. Aber sind sie es wirklich. sie sind so scharf gezeichnet,
und doch liegt ein Wabern über ihnen. Als er sich konzentriert,
verschwinden Ihre Gesichtszüge in Farben. Rot, Gelb orange, der Rest
des Zimmers blau. Er schreit auf.
„Crowley! Crowley,
bist Du wach?“
“Ich, ich weiß nicht.” Er erhebt
seine Hand, und auch sie ist rot und gelb. Die Farben verschwinden.
Seine Hand ist so gestochen scharf wie noch nie in seinem Leben. Er
kann jedes Haar, jede Furche sehen. Aber ist das wirklich seine Hand.
- Nur eine Illusion –
„Ihr – wo bin ich?“
„Chicago General. Nach der Explosion
habe wir uns ausfliegen lassen. Skinner dreht völlig am Rad, aber es
gibt keinerlei Aufzeichnungen aus dem Lager. Trout hält still,
McLusky ist unehrenhaft entlassen worden, und der ganze Ausbruch wird
den Sons of Raven angelastet. Die Explosion passt ja ganz gut in Ihr
Portfolio, und naja, ganz so falsch ist es ja nicht. Raven war
immerhin da.“
- Der schwarze Vogel kennt die Wahrheit – erwache! -
Blut, Gewalt. Zerfetzte Körper,
gesichtslose Truppen marschieren. Hände greifen nach ihm. Der
Schwarze Vogel kreist, seine Augen ruhen auf Ihm. Er schlägt um sich
Hände ergreifen ihn, er bäumt sich auf.
„Um Himmels Willen Crowley, beruhige
Dich! Es ist vorbei!“
Smooths Gesicht unmittelbar vor seinem.
Unfassbar scharf, detailliert.
„Nein, Smooth. Nicht für mich.“
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen