Independence Day
2. Juli 1876, Chicago, The Dog and
Eyrie Gentlemans Club
„ Wer ist der, der den Ratschluss
verdunkelt mit Worten ohne Verstand?“ Hiob, Kapitel 38, Vers 2
Es war nicht leicht, Clive Brookes mit
der Nachricht unseres Versagens zu konfrontieren. Zum ersten Mal seit
Beginn unserer Zusammenarbeit mußten wir einen Fehlschlag
eingestehen.
„Sie haben Andrew Holbrook
zurückgelassen.“
Ich nickte.
„Und die letzten Überlebenden seiner
Expedition ebenso?“
Wieder konnte ich nur nicken. Mr.
Brookes stand auf und ging zum Fenster. Seine Stimme war belegt, als
er weiter sprach.
„Ms Bluebird, ich halte sie für eine
kompetente Frau. Und in gewissem Sinne sind sie der moralische
Kompass dieser kleinen Expedition. Deshalb wollte ich mit Ihnen unter
vier Augen über den Ausgang dieser Mission sprechen.“ Er drehte
sich um und sein Ausdruck war – müde, angestrengt, als trüge er
schwer an der Bürde der Verantwortung. „Können sie mir Ihre
Gründe für diese Entscheidung darlegen?“
Ich sammelte mich einen Moment, dann
begann ich zu erklären.
„Wir waren am Ende unserer
Möglichkeiten. Das wir den ersten Zusammenstoß mit dieser Bestie
überlebt hatten, war nichts geringeres als ein Wunder. Mr. Li und
Mr. Murdoch waren überzeugt, das Dr. Holbrook selbst für das
Erwachen dieser Monster verantwortlich war. Wir – ich – sah
einfach keine Möglichkeit, wie wir dieses Ungetüm besiegen
könnten.“ Ich hielt inne – es klang selbst in meinen Ohren nach
einer Ausrede.
Aber der wahre Grund – das unsere
Gruppe innerlich zerstritten war und ich mich selbst in einer tiefen
Glaubenskrise befand – konnte ich ihm unmöglich gestehen.
Mr. Brookes rieb sich die Augen. „Ich
will ehrlich sein, Ms. Bluebird. Ich bin enttäuscht. Selbst, wenn es
so ist wie sie beschreiben und Andrew selbst an seinem Leid schuld
ist, haben sie dennoch seine armen Bediensteten dem sicheren Tod
überlassen. Aber ich war nicht an Ihrer Stelle, deshalb muss ich
Ihre Entscheidung akzeptieren.“ Er setzte sich müde wieder in den
Sessel.
„Nun, bevor ich eine besser
ausgerüstete Expedition ausheben kann, damit wir uns um diese
Monsterechse kümmern können, müssen wir erst einmal den 4.Juli
hinter uns bringen. Ich weiß nicht, ob sie schon davon gehört
haben, aber die Truppen Ihrer Majestät sind über Kanada wieder in
die Vereinigten Staaten einmarschiert. Brooklyn ist wieder in
britischer Hand. Wie sie Sich denken können, erhöht das nicht
gerade die Sympathie gegenüber Bürgern des Empire, unabhängig
davon, wie ich persönlich zu diesem militärischen Abenteuer stehe.
Außerdem treiben sich hier in der Stadt gerade diverse sogenannte
„Rail-Gangs“ herum, angeheuerte Schlägertruppen der
Eisenbahnlinien. Genug der langen Vorrede, ich würde es begrüßen,
wenn Sie, Mr. Li und Danny im Vorfeld der Feierlichkeiten ein wenig
für Ruhe auf den Straßen sorgen würden. Mein Vertrauen in die
hiesigen Gesetzeshüter ist – begrenzt.“
Ich stand auf und strich mein Kleid
glatt. „Gut, Mr. Brookes. Ich denke, das sollten wir im Interesse
des Gemeinwohls bewältigen können.Ich selbst werde allerdings wohl
einige Zeit abwesend sein, da ich mich um einige familiäre
Angelegenheiten kümmern muss.“
Mr. Brookes schaute mich einen Moment
verwirrt an. „Nun ja, das hat verständlicherweise Vorrang.
Allerdings sollten Sie sich noch die Zeit nehmen, den Neuzugang
unserer kleinen Expedition kennen zu lernen. Dr. Hatch wird die Rolle
unserer medizinischen Versorgung übernehmen. Dr. Caballero hatte
einige – philosophische Probleme mit – einigen unserer
Mitreisenden.“
„Probleme philosophischer Art?“
„Nun, sagen wir mal, Wundertaten,
wandelnde Tote und lebendige Schatten sind nicht jedermanns Sache.
Nach meinen Gesprächen mit Dr. Hatch sollte das hoffentlich weniger
problematisch sein. In der Heimat gibt es anscheinend einige
bemerkenswerte Fortschritte in der Medizin, vor allem in Verbindung
mit – weniger menschlichen Subjekten. Vielleicht kann er Ihnen bei
Dannys Therapie zur Hand gehen. Wie steht es um ihn?“
Ich suchte nach den richtigen Worten.
„Er – also ich – es geht voran.“
Mr. Brookes rieb sich die Augen.
„Halten Sie mich auf dem laufenden. Ich muss jetzt einen Brief an
die Heimat schicken und die Familie über Andrews Schicksal
informieren.“
Diese Pflicht überließ ich gerne Mr.
Brookes, auch wenn ich mir über Holbrooks Schicksal keineswegs so
sicher war wie er.
Der Doktor ist im Haus
Erlauben Sie mir,
mich vorzustellen. Mein Name ist Hatch, Edward Hatch Doktor der
Medizin, von den Eastshire-Hatches aus Nottingham. Ms Bluebird bat
mich, ein paar Sätze für Ihre Aufzeichnungen zu verfassen.
Offensichtlich ist sie so eine Art Archivarin oder Autobiographin für
Esquire Brookes, in dessen Dienste ich gerade getreten bin.
Zu meiner Person
gibt es wenig interessantes zu berichten. Als Humanmediziner zu einer
Zeit großer Entdeckungen und Fortschritte habe ich mich dem
Vorantreiben unseres Wissens über die Wirkung chemischer und
organischer Verbindungen auf den menschlichen Körper verschrieben.
In der alten Heimat ist der Zugang zu den interessantesten
Forschungsobjekten streng kontrolliert von Logen und Geheimbünden
wie den Templern und den Freimaurern. Deshalb hatte ich mich den
Truppen Ihrer Majestät angeschlossen, als diese in die neue Welt
aufbrachen. Nicht nur, das ich hoffte, der Einfluss der Logen sei
hier geringer, auch die Wirkung des sogenannten „Geistersteins“
au den menschlichen Organismus war nur unzureichend erforscht. Ich
hatte im Explorers Magazine und dem Tombstone Epitaph einige sehr
interessante, wenn auch zweifelsohne übertriebene Berichte gelesen,
die meine Neugier geweckt hatten.
Lassen wir den
Schatten der Vergangenheit meine kurze, aber ernüchternde
militärische Laufbahn bedecken. Schlussendlich brachten mich meine
Irrwege nach Chicago, hier an die Grenze des sogenannten „Wilden
Westens“. Und hier fand ich schließlich auch den ersten Lichtblick
meiner Odyssee, „Clive Brookes fahrende Antiquitäten und
Kulturausstellung“. Die Brookes hatten einen gewisssen Ruf ob Ihrer
exzentrischen Hobbies, und Clive hatte nach den Indischen Feldzügen
seinen Abschied von der Armee genommen, mit einigen recht kritischen
Briefen ob des Vorgehens unserer Truppen im Subkontinent. Ich
vermutete hier einen verwandten Geist.
Tatsächlich hatte
Mr. Brookes ein offenes Ohr für meine Ideen. Er selber sah sich als
eine Art kulturellen Botschafter in den ehemaligen Kolonien, und er
hatte eine recht farbenfrohe Truppe von Gefolgsleuten um sich
gesammelt. Einige der Geschichten, die er mir über seine Reise
hierher und die dazwischenliegenden Ereignissen erzählte, ließen
jedenfalls auf wissenschaftlich interessante Fakten schließen. Er
legte mir vor allem ans Herz, einen Burschen namens Danny mal
eingehend zu untersuchen, ohne mir genauer zu erklären, warum. Er
meinte, er wolle mir die Überraschung nicht verderben und gerne mal
eine frische Meinung hören.
Nun, mein erstes
Zusammentreffen mit dieser illustren Truppe war – ernüchternd. Mr.
Brookes hatte sie als eine Art Mischung aus Abenteurern und
Exzentrikern beschrieben. Als ich sie zunächst traf, waren sie erst
einmal – mürrisch.
Sie schienen vor
allem niedergeschlagen wegen irgendeiner Mission, die offensichtlich
nicht besonders gut verlaufen war. Ich saß mit Esquire Brookes im
Sall des Dog&Eyrie, das nächste, was man in Chicago an einem
Herrnclub finden konnte. Die drei gestalten, die den Club betraten,
hatten sich zwar kurz umgezogen, aber man sah ihnen die Last der
Reise noch an. Ich erkannte dieselben hängenden Schultern und
allgemeine Reisemüdigkeit, die man mir selbst bestimmt auch ansah.
Ms Bluebird schien
von inneren Zweifeln geplagt, und sie war die Sprecherin der Gruppe.
Die beiden anderen Individuen – nun, Winston Li entsprach genau
meinem Bild eines amerikanischen Revolverhelden, auch wenn seine
Gesichtszüge einen asiatischen Einschlag hatten. Danny – nun, er
war ein Rätsel. Von Kopf bis Fuß eingehüllt in Ponchos und Mäntel,
trotz der brütenden Julihitze, und diese Maske – ich hatte selten
eine solch bizarre Kopfbedeckung gesehen, komplett mit irgendwelchen
Linsen, Filtern, Schläuchen, die unter dem Poncho verschwanden. Es
war verständlich, das er sich ständig in den Schatten herumdrückte,
und es waren kaum Worte aus ihm heraus zu bringen.
Gleich unser
erstes Treffen wurde denn auch von - ich nenne es mal –
Lokalkolorit unterbrochen. Eine Truppe von 6 Weibsbildern stürmte
ohne Vorankündigung in das Dog&Eyrie. Es waren wüste Gestalten,
gehüllt in lange Staubmäntel darunter unanständig freizügige
Hosen und Hemden. Damit nicht genug, sie trugen Revolver und
Peitschen an den Gürteln, wie die örtlichen Vietreiber!
Die Anführerin
stolzierte durch den Raum, als gehöre sie hierher.
„Hallo
Hallöchen, Ihr Inselbewohner. Meinen Witches ist zu Ohren gekommen,
das hier ein paar Union Blue Pfeifen untergekommen sind.“ Ihre
Weiber verteilten sich hinter Ihr im Raum. Eine rothaarige, gerade im
heiratsfähigen Alter, schritt besonders frech von Tisch zu Tisch und
starrte den Gästen grinsend ins Gesicht.
Der Barkeeper
räusperte sich. „Hören sie, Miss, das hier ist ein Herrenclub,
und das bedeutet, das Ladies hier keine Zutritt haben.“
Das schien die
Frauen zu amüsieren. Allgemeines Gelächter ertönte, und die
Anführerin trat an die Theke, die Hand an der Peitsche.
„Na dann trifft sich ja gut, das wir
keine Ladies sind, Kleiner. Nochmal, wer von den Flaschen hier ist
Union Blue?“
Inzwischen war die Rote zu unserem
Tisch gekommen und hielt überrascht inne.
„Hey, Angie, du wirst es nicht
glauben!“ Sie zeigte auf Danny. „Der elende Iron Dragon Bastler
ist hier!“ Dannys Reaktion war schwer zu bestimmen, aber er schien
einen Moment zu erstarren. Winston blätterte derweil gemütlich in
einem Bündel Papiere, und warf nur ab und zu den Frauen einen
abschätzenden Blick zu.
„Wo ist denn Deine kleine
Karate-Schlampe? Die hält doch sonst Deine Kette?“ Die Stimmung
war kurz vor dem explodieren. Gewalt lag in der Luft, und eine
Dunkelheit schien sich über den Raum zu legen, ausgehend von Danny.
Dann zerschnitt Winston Lis Stimme die
Stille.
„Jennifer R. Simkins,
Körperverletzung, Raubüberfall, ungebührliches Verhalten in der
Öffentlichkeit. 25 Dollar.
Angela Simkins, Raub, Diebstahl, Aufruf
zum Ungehorsam, Sabotage von Schienenverkehr. 50 Dollar.
Und für den Rest von den Mädels
bekomme ich sicher einen Mengenrabatt.“
Seine stahlblauen Augen richteten sich
auf Jennifer.
„Und hier steht nichts davon, das ich
Euch lebend abliefern muss.“
Einen Moment lang hielt Jennifer dem
Blick stand, dann wich sie zurück, die Hand am Revolver.
„Na dann versuch's doch,
Kopfgeldjäger. Du bist nicht der erste, der den Preis kassieren
will.“
Füsse scharrten, Stühle kratzten über
den Boden, als sich die restlichen Gäste aus der Schusslinie
bewegten.
Mr Brookes Hand legte sich unter dem
Tisch auf Lis Unterarm. „Nicht hier, Mr. Li.“ flüsterte er aus
dem Mundwinkel. Kein Schiesserei hier im Club.“
„Wenn es sich vermeiden lässt.“
Gemächlich stand er vom Tisch auf und öffnete den Mantel. Von Danny
erklang ein merwürdiges mechanisches Klicken, als sich irgendetwas
unter dem Poncho bewegte.
Die Anführerin der Witches legte Ihr
Hand auf die Schulter der Rothaarigen. „Angie, deswegen sind wir
nicht hier. Wir haben noch was zu tun.“
„Aber er-“
„Wir gehen, Angie. Jetzt.“ Einen
Moment lang starrte Sie Ihre Schwester haßerfüllt an, dann wieder
auf uns. „Also gut, ein andermal, Kopfgeldjäger. Und du ebenso,
Danny Boy. Du hast mindestens ein Dutzend von uns auf dem Gewissen.
Die Wichitia Witches begleichen Ihre Rechungen. Immer!“
Mit diesen Worten zogen Sie sich
zurück. Die Erleichterung im Raum war spürbar.
„Gut gelöst, Mr. Li. Auch wenn wir
Glück hatten, das Ihre Anführerin wohl etwas vernünftiger ist als
der durchschnittliche Bandit.“ Mr Brookes stand auf. „Genau so
sollten sie mit Ärger in den nächsten Tagen umgehen. Diese Stadt
ist ein Pulverfass, und jegliche Provokation kann Sie zur Explosion
bringen. Ich werde jetzt mit Ms Bluebird die detaillierten Probleme
bei Ihrer Mission durchgehen. Danny, wir müssen bei Gelegenheit Ihre
Vergangenheit mit den Witches erörten.“
Dannys Maske bewegte sich mit einem
trockenen Quietschen zu Brookes.
„Gibt nicht viel zu sagen. Sie haben
meinen Zug überfallen. Ich hab Sie dafür bluten lassen. Ende der
Geschichte.“
Mr. Brookes zögerte und warf Ms
Bluebird einen fragenden Blick zu. „Wie gesagt, wir sollten das
später erörtern. Ms Bluebird?“ Sie nickte und schloss sich Mr
Brookes auf dem Weg nach oben an.
Li zündete sich eine weitere Zigarre
an und blickte durch den Raum.
„Der Bursche da“, murmelte er aus
dem Mundwinkel, „ist auffällig erleichtert, das die Mädels weg
sind.“ Er deutete auf einen recht dandyhaft herausgeputzten
Gentleman, auf dessen Schoß eine asiatische Schönheit saß.
Tatsächlich gewann sein Gesicht gerade erst wieder an Farbe. „Ic
hwerd ihm mal ein paar Fragen stellen.“
„Sollten wir nicht-“ begann ich,
aber Li war schon an der Seite des Pärchens. Mt einem merkwürdigen
Hopser richtete sich auch Danny auf und – stakste, ich kann es
nicht anders beschreiben – die Treppe herauf. Ich blickte mich
verwirrt um. „Äh, dann, warte ich wohl hier.“
Der Dandy hatte offensichtlich
keinerlei Lust auf eine Unterhaltung und verließ beinahe fluchtartig
den Club. Li und die junge Dame wechselten noch einige Worte,
anscheinend in der Heimatsprache der Aisatin.
Dann verschwanden sie beide auf Ihre
Zimmer, und ich saß alleine im Gastraum.
„Das ist eine – interessante
Einführung.“ Ich bestellte mir einen Sherry und erwartete die
Rückkehr meiner neuen Reisegefährten. Und wartete. Und wartete.
Nach zwei Stunden und meinem dritten Sherry kam jemand die Treppe
herunter. Erwartungsvoll sah ich auf, und wurde mit dem Anblick einer
taumelnden Gestalt in einem ehemals teuren Anzug belohnt. Der Bursche
war offensichtlich schon nah an seinem Limit, sein linker Arm war mit
einem Verband eingehüllt, der unter seinem Hemd hervorlugte.
Sein unsteter Blick fand mich, und er
setzte ein unstetes Lächeln auf. „N'Abend, Sir. Clayton Mansfield
mein Name. Sie würden nicht zufällig einem Veteranen einen Drink
ausgeben?“
Ich zuckte mit den Schultern. Mr.
Brookes hatte uns alle Verpflegung freigestellt, und inzwischen war
ich so gelangweilt, das selbst dieser Trunkenbold eine interessante
Abwechslung war.
„Aber gerne, Mr. Clayton. Hatch ist
mein Name, Andrew Hatch. Veteran, sagten Sie? Welcher Krieg, wenn ich
fragen darf?“
Er brauchte seinen ersten Drink, bevor
er sich öffnete. Mr. Mansfield war wohl eines der Opfer des nunmehr
beinahe 10 Jahre andauernden Bürgerkrieges, ein Mann, der zu viel
Leid und Tot gesehen hatte. Er suchte nun vergessen in Alkohol und
anderen sinnvernebelnden Drogen. Als er mich verließ, war er auf der
Suche nach etwas, das er Yellow Candy nannte.
Der Barkeeper klärte mich auf.
„Yellow Candy ist das neue Zeug, das
die Chinesen aus dem Westen ranschaffen. Als ob Opium nicht mies
genug wäre, dieses Zeug ist so billig, das es sich jeder Viehtreiber
leisten kann. Manchmal verschenken sie's sogar, oder schmeißen es in
die Drinks, wenn Leute nicht hinsehen. Und wer einmal Candy hatte,
will nichts anderes mehr. Macht einen angeblich völlig furchtlos.
Also, pass auf, wenn Dir irgend ein Chink was andrehen will. Die
Chancen sind 50/50, dasYellow Candy drin ist.“
Welch erquickende Aussichten –
Eisenbahnschläger, ein Fest zur Feier unserer Niederlage gegen die
Einheimischen und eine neue Droge auf dem Markt. Die Gerüchte über
die exzentrischen Abenteuer der Brookes waren keineswegs
übertrieben....
East vs. West – Winston Li
Ich ließ mir den Abend in der
Badewanne nochmal durch den Kopf gehen, zusammen mit zwei Fingern
Whiskey und einer guten Cohiba. Man konnte sich an so ein Stadtleben
gewöhnen.
Nicht , das es hier weniger Ärger
geben würde als im Westen. Aber der Ärger war – irgendwie netter
anzusehen als in der Prärie.
Kaum zurück aus den Fängen dieser
verdammten Riesenechsen gab es hier gleich zwei gefährliche, aber
interessante Misses. Jennifer R. Simkins, eine Wichita Witch, eine
echte Eisenbahnsoldatin. Aber im Gegensatz zum normalen Abschaum
schien sie ziemlich vernünftig zu sein, so wie sie Ihre kleine
Schwester zurück pfiff, bevor es wirklichen Ärger gab. Ein schlaues
Mädchen.
Und Suzie Wong, ein arbeitendes
Mädchen, aber eine mit Klasse. Und sie hatte einige Geheimnisse. Ich
weiß immer noch nicht, was das mit diesem Roten Lotus sollte, aber
sie hat mir einen echten Dämonenjäger hier in Chinatown empfohlen.
Es wurde Zeit, ein wenig aufzurüsten. Seit ich mit Bluebird und
Danny unterwegs war, traf ich deutlich zu viele Biester, die meinen
üblichen Argumenten Kaliber 45 gegenüber unzugänglich waren. Meine
Ma, Gott hab sie selig, hatte immer diese lustigen
Schriftzeichenfähnchen an unsere Fenster und Türen gehängt. Daddy
wollte sie mal wegmachen zum vierten Juli und stattdessen Girlanden
aufhängen. Niemals hatte ich meine Ma so wütend gesehen.
Normalerweise war sie diese kleine, liebenswürdige Lady, die nichts
aus der Ruhe bringen konnte und Dad alle Wünsche von den Augen
ablas. Aber diese Fähnchen waren Ihr so wichtig, das Sie Dad
dermaßen zusammen brüllte, das er den Schwanz einzog und alles
eigenhändig wieder aufhing. Wenn meine Ma dermaßen an die Dinger
glaubte, musste da was dran sein. Als ich sie fragte, nannte sie es
„Shinto-Magie“. Mal sehen, ob ich mir nicht eine Dosis Shinto
besorgen konnte, um mir zwischen den Heiligen und Dämonen in meinem
Umfeld etwas Gehör zu verschaffen.
Aber erstmal wurde es Zeit für einen
kleine Rundgang durch's Viertel. Ich war wohl kurz eingenickt, denn
es ging schon auf Mitternacht zu, als ich runter ging. Danny und der
neue Doc warteten unten, an getrennten Tischen. Konnte ich dem neuen
Doc nicht verdenken – Danny war nicht gerade der Gesellschaftertyp.
„Ok, Danny, Hatch, wird Zeit, das wir
mal ein bisschen Präsenz auf der Straße zeigen. Wenn man keinen
Ärger haben will, muss man den Jungs zeigen, das man sie im Auge
hat.“
Danny, der ohne Stuhl vor dem Tisch
hockte wie eine Art ledriges Huhn, wendete mir quietschend den Kopf
zu.
„Vergiss es, Li. Wenn ich auf die
Straße gehe, mache ich mehr Ärger, als ich vermeide. Ich bleib
hier, falls die Witches zurück kommen.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht besser so. Komm, Hatch, ich erklär Dir, wie man im
Westen solche Sachen angeht.“
Wir traten auf die Straße, und ich
ließ meinen Blick über die verwaisten Stände streifen. Nur noch
wenige Trunkenbolde und arbeitende Mädchen waren unterwegs.
„Also, wenn Du mit Brookes und uns
unterwegs bist, darfst Du Dich von nichts aus der Bahn werfen lassen.
Seit ich bei der Truppe bin habe ich Riesenwölfe, lebende Schatten,
blutsaugende Rattenmenschen und dampflokgroße Eidechsen gesehen. Und
das sind nur die Sachen auf der anderen Seite deiner Flinte. Deine
Kumpels sind entweder im Namen Gottes unterwegs oder von Satan
verdammte Seelen, die 'nen abgerissenen Arm wegstecken wie andere
einen abgebrochenen Fingernagel. Also halt Dich an mich, ich bin der
einzig normale hier.“ Ich weiss nicht, wie Hatch das ganze aufnahm,
aber bevor wir das ausdiskutieren konnten, hörte ich das Knallen
einer Peitsche und das irre Gackern von Angie Simkins.
„Dazu später mehr, Hatch. Da vorne
wartet Arbeit auf uns.
Edward Hatch
Nachdem ich nun überzeugt war, das Li
entweder noch betrunken oder ein Opfer schwerer Sinnestäuschungen
war, freute ich mich nicht unbedingt darauf, ihn bei seiner nächsten
Konfrontation mit den Wichita Witches zu begleiten.
Zu meiner überschaubaren Überraschung
hatte die rothaarige Angie ein neues Opfer gefunden, einen in eine
Art weißen Pyjama gekleideten Chinesen.
„Du willst also in unserer schönen
Stadt deine elenden Drogen verticken, Chink? Dafür wirst Du bluten!“
Angie liess Ihre Peitsche kurz an dem Chinesen vorbeiknallen, der
seine Augen geschlossen hielt und seine Hände or dem Körper
verschränkte.
Li erregte Ihre Aufmerksamkeit recht
effektiv durch einen Schuss in die Luft.
„Angie, das hatten wir doch schon,
oder? Keinen Ärger auf meinen Straßen, sonst wanderst Du ein.“
Die Furie wirbelte zu uns herum.
„Willst Du jetzt auch noch einen
verdammten Candy-Dealer in Schutz nehmen? Erst diesen irren
Bombenleger Danny, jetzt noch einen Chink? Bist Du weich in der
Birne?“ Die Fäuste der Wilden kneteten Ihre Peitsche, als wolle
sie etwas erwürgen. Das Knirschen klang wie eine sterbende Katze.
Li legte das rauchende Gewehr über die
Schulter und nahm die Zigarre aus dem Mundwinkel. Er deutete mit dem
Stengel auf sie.
„Ich glaube, man muss Dir mal
Manieren beibringen, Kleine. Ich besorge gerne das versohlen, aber
erst nach dem Vierten. Und Du“ Er deutete auf den Chinesen, der
weiterhin in Trance zu sein schien. „Ho don wei do chai shi“
(oder so ähnlich. Li erklärte mir später, das das „Keine Drogen
in meinen Strassen“ hiess). Die Augen des Chinesen öffneten sich
ruckartig. Er verbeugte sich schnell, dann drehte er sich um und
ging.
„So einfach kommst Du mir nicht
davon, Chink!“ Angie ließ Ihre Peitsche ausrollen, aber als sie
zum Hieb ansetzte, wurde sie nach hinten gerissen. Ihre Schwester
hatte die Peitsche gefangen und um Ihr Sattelhorn geschlungen.
„Angie, wir wollen doch dem guten Mr.
Li keinen Grund geben, Dich zu verhaften.“ Sie blickte zu uns
herüber. „Hier ist nichts passiert, nur eine kleine
Meinungsverschiedenheit. Nicht wahr?“
Winston steckte die Zigarre wieder in
den Mundwinkel. „Hab nichts anderes gesehen. Und jetzt ist es doch
bestimmt Zeit für's Bett, nicht wahr? Wir wollen doch morgen alle
zeitig aufstehen, Mädels.“
Angelas Augen brannten in einem Feuer,
das ich noch nie gesehen hatte. „Eines Tages kommt meine Schwester
nicht, um Deinen Arsch zu retten, Li. Eines Tages...“
„Kann's kaum erwarten, Angie.“ Er
klopfte mir auf die Schulter. „Komm, wir müssen unsere Runde
beenden. Ma'am“ er zog den Hut vor Jennifer, dann schritt er davon.
„Und so bewahren Sie den Frieden? Mit
Drohungen?“ Ich war zugegebener maßen irritiert.
„Hat doch geklappt, oder? Solange
allen hier klar ist, das ich nicht bluffe, werden Sie ruhig bleiben.
Ich weiß nicht, was die Witches vorhaben, aber ein Feuergefecht auf
der Straße würde es Ihnen auf jeden Fall versauen, ob sie den
kürzeren ziehen oder nicht. Bleibt nur abzuwarten, was Ihr Endspiel
ist – oder besser noch, wir finden es raus, bevor sie es
erreichen.“
Mitternacht – und die Hölle
bricht los
Der Rest der Patrouille verlief dann
tatsächlich ruhig, abgesehen von irgendeiner besessenen
Abstinenzlerin, die mit Flugsendungen und so einem albernen
Sandwichplakat herumlief und uns als Söhne Satans bezeichnete, weil
wir nicht dem Alkohol abschwören wollten. Das Grauen erreichte uns
in unseren eigenen vier Wänden.
Als wir wieder in das Dog & Eyrie
kamen, wo uns Danny eine ereignislose Stunde bestätigte, wurden wir
von einem grauenhaften Schrei aus unseren Gedanken gerissen. Der
Schrei verstummte abrupt, aber da waren Danny, Li und ich bereits auf
dem Weg nach oben, von wo der Schrei ertönt war. Schnell erreichten
wir die Quelle des Lärms, das Zimmer von Suzie Wong. Der Anblick
darin warf mich zurück in die unsäglichen Lazarette, aus denen ich
eigentlich entkommen wollte.
866 während der Schlacht von Detroit,
wars ich in einem Feldhospital, und die Verwundeten kamen am
Fließband.
Als ich grade den Arm eines jungen
Mannes zusammen geflickt hatte, drang Lärm vom Triagezelt zu mir.
Es war eine heiße Nacht, so wie es heute würde, und obwohl es fast
ein Jahr her ist, erinnerst Ich mich daran, als wäre es gestern.
Ich gab meine Nadel an eine der
Schwestern um zu sehen, was der Aufstand denn soll. Zunächst dachte
ich, der Feind hätte uns flankiert und würde nachts attackieren.
Die Wahrheit war um vieles Schlimmer.
Ein Schlächter in der Kleidung eines
Chirurgen hatte sich durch die Verwundeten gehackt, und links und
rechts gesunde Gliedmaßen amputiert. Keine Betäubung, keine Kugel
zum drauf beißen – ein schneller Schnitt, und Arm oder Bein waren
fort. In manchen Fällen Köpfe.
Ein junger Bursche namens Ketchum hatte
ihn bemerkt. Er war selbst beinahe tot, aber die Schreie der Opfer
hatten Ihn geweckt.
Die Wachen draußen hatten die Schreie
ignoriert. Wenn Du den Verwundeten eine Weile zuhörst, fängt man
an, Ihre Schreie zu ignorieren.
Ketchum auf jeden Fall schnappte sich
sein Schießeisen und pumpte den Schlächter voller Blei. Die Schüsse
alarmierten die Wachen endlich.
Als die Wachen kamen, sahen Sie den
Schlächter über Ketchum stehen, der immer noch seine leere Pistole
abfeuerte, obwohl sein rechtes Auge auf dem Skalpell des Schlächters
aufgespießt war.
Mit einem Irren Lachen verschwand der
Schlächter, so schnell wie ein Pferd, und schnitt sich einfach durch
die Zeltwände, bevor er wie eine Spinne die Seiten eines Hauses
herauflief. Keine der Kugeln schien Ihn auch nur irgendwie zu stören.
Die Wunden des Opfers sehen genauso aus
wie die damals in Detroit. Der Schlächter hat mich eingeholt.
Der Rest der Szene wird mir erst später
bewusst. Die Arme Suzie, bewusstlos, aber körperlich nahezu
unversehrt. Eine zerschmetterte Fensterscheibe. Und überall Blut.
Danny
War ja klar. Da hält man sich von
jeglichem Ärger fern, kommt der Ärger zu einem Und das nicht genug,
jetzt erwartet Brookes allen Ernstes, das wir Detektiv spielen! Einen
Mord aufklären, und ja keinen Staub aufwirbeln! Bullshit, sage ich.
Ich glaube, es wird Zeit, dieses „Arbeitsverhältnis“ mal zu
überdenken. Brookes fällt mir zu sehr auf seine Kolonialattitüden
zurück, und das brauch ich nun wirklich nicht.
Also ein neuer Psychokiller. Einer, der
in Sekunden ganze Körperteile abschneiden kann. Und durch ein
geschlossenes Fenster springt, ohne sich zu verletzen. Die Fußspuren
sind beeindruckend. Der Bursche ist groß, schwer und schnell. Sie
führen die Gasse entlang auf die Mainstreet und verschwinden da in
hunderten von Wagen und Fußspuren. Gegenüber ist eine Kaschemme
namens Cowtown Saloon, vielleicht war da noch jemand unterwegs. Davor
liegt auf jeden Fall noch eine Schnapsleiche. Ein Wohnhaus hat er
auch passiert, aber die Befragung soll lieber Li durchführen. Also
setze ich mich lieber wieder in den „Club“.
Da erdreistet sich doch Brookes
tatsächlich, mir schon wieder auf die Eier zu gehen! Warum ich denn
so passiv wäre, ob ich denn so gar nicht an meiner Erlösung
arbeiten wolle. Überhaupt, das auch alle anderen sich schon Sorgen
machen würden.
Sorgen – als wüßte der, was Sorgen
heißen! Dieses verdammte Amulett macht mich so stumpf! Ich weiß, es
wäre kein Problem, einen spektralen animierten Hemo-Schnüffler in
meine Maske einzubauen. Ich WEISS es! Aber in meinem Schädel tut
sich nichts. Ich weiß, die Ideen sind nur kurz hinter diesem
Schleier, aber sie wollen nicht raus kommen.
Sind etwas alle meine Erfindungen nur
das Werk dieses verdammten Dämons? Habe ich selber NICHTS
erschaffen? Und wer sagt überhaupt, das es ein Dämon ist. Doch nur
Bluebird und ihre elende Kirche. Vielleicht ist es ja nur ein Teil
von mir, so eine Art Totem? Ein Schutzgeist? Nur, weil die
Kirchenaffen sie nicht verstehen, müssen Sie denn gleich „böse“
sein?
Und vielleicht wird er nur aggressiv
wegen diesem Amulett? Unterdrücke ich etwa einen Teil von mir? Einen
Teil, der mich zu etwas wirklich besonderem macht? Und mal im Ernst,
hat es irgendetwas gemacht, das ich nicht auch gewollt hätte? Ich
muss diese andere Seite von mir erforschen. Ich MUSS wissen, was
hinter dem Schleier ist. Nur dann kann ich es benutzen.
Ich stelle mich vor den Spiegel. Die
Maske schaut daraus hervor. Aber ist es eine Maske? Oder ist es mein
wahres Gesicht, und darunter ist die Maske. Ich betrachte meine
silberne Klaue. Solche Perfektion. Ich hebe meine linkes Bein und
halte es neben meine Klaue. Die Krallen sind ähnlich. Ich kann jetzt
problemlos auf einem Bein stehen, solange ich will. Eine eindeutige
Verbesserung. War der Tod vielleicht nur ein – Erwachen?
Entschlossen packe ich das Amulett und
ziehe es über den Kopf. Ich taumle kurz, irgendwo ertönen weit weg
Schüsse. Ideen, Diagramme, Zeichnungen schießen mir durch den Kopf.
Vor mir auf dem Tisch liegt ein Plan. Der Hämospüraufsatz für
meine Maske. Mit Direktanschluss in meine Nebenhöhlen, nur wenige
Schnitte und Schläche werden nötig sein. Er ist perfekt.
Ich blicke in den Spiegel, und schaue
aus dem Spiegel heraus. Mein Spiegelbild legt den Kopf schief.
„Du wolltest reden?“
Winston Li
Unsere Nachforschungen enden in einer
Sackgasse nach der anderen. Suzy ist nicht ansprechbar. Dr. Hatch hat
sie kurz mit irgendeinem Mittelchen aus der Ohnmacht erweckt, aber
Ihre Aussage hat uns nicht weitergebracht. Der Typ ist durch die Tür
gekommen, und war monströs groß. Er trug eine weiße Maske und
einen weißen Mantel, sollte also auffallen wie ein verdammter
Wasserbüffel in einer Broncoherde, aber niemand hat ihn gesehen,
nachdem er auf die Main Street ist. Kein Trunkenbold, kein Candyhead.
Die Familie nebenan hat ihn vorbeirennen sehen, aber danach hat er
sich anscheinend in Luft aufgelöst.
Der einzige, der außer uns noch auf
dem Stockwerk da oben wohnt, ist dieser Trunkenbold Clayton. Hatch
sagt, der Typ hat ein Kriegstrauma, und der Wirt meint, er säuft
ständig und benebelt sich die Sinne mit Yellow Candy, wann immer er
kann. Also wahrscheinlich auch ein nutzloser Zeuge, wenn wir ihn denn
finden können.
Was ich stattdessen finde, ist Angie
Simkins. Und den Chinesen von gestern den sie durch die Straßen
peitscht. Verdammt nochmal. Und die anderen WItches schauen zu. Was
haben sie bloß gegen diesen Kerl?
„Hey!“ Wieder spricht meine Flinte,
damit ich Ihre Aufmerksamkeit kriege. Das wird zur Gewohnheit.
„Sofort aufhören! Was soll das hier?“
Angie schaut mich an und lächelt
zuckersüß. „Aber Mr. Kopfgeldjäger, das hier ist nur
Selbstverteidigung. Der Chinese hat mich angegriffen, nachdem ich
sein gelbes Gift nicht nehmen wollte. Nicht wahr, Schwester?“
Jennifer scheint zwar nicht besonders
amüsiert, aber sie nickt. „Jepp, Mr. Li, er hat sie angegriffen.
Und sie werden NIEMANDEN finden, der etwas anderes sagt.“ Ihre Hand
liegt zur Unterstreichung Ihres Arguments auf dem Griff Ihrer
Peitsche, Ihre Spießgesellinnen schauen die umstehende Menge
herausfordernd an.
Der Chinese ist zusammen gebrochen. Dr.
Hatch und – Clayton – eilen zu ihm, um nach seinen Wunden zu
sehen. Der Trunkenbold stellt sich überraschend geschickt an.
Ich wende mich wieder Angie zu, die
grinst wie ne Katze, die den Kanarienvogel verschluckt hat.
„Außerdem hat er wieder das böse
böse Gift verteilt, und das wolltest Du doch nicht, oder, Li? Ich
hab Dir also ‚nen Gefallen getan.“ Und jetzt entschuldige mich,
es sieht so aus, als wolle er wieder aufstehen.“ Sie rollt Ihre
Peitsche aus und dreht sich wieder zu Ihrem Opfer.
„He Ihr da, geht besser aus dem Weg.
Ich kann zwar mit der Peitsche umgehen, aber wenn Ihr so nah an ihm
dran steht…“
Hatch blickt sie erst irritiert, dann
entschlossen an. Er steht auf und stellt sich zwischen Sie und den
Verletzten.
„Das muss jetzt aufhören. Der Mann
ist für niemanden eine Gefahr, und er braucht Hilfe. Hören Sie auf
mit dieser Farce!“
„Ich soll WAS?“ Angie ist puterrot
angelaufen. Das wird nicht gut gehen.
„Und außerdem hat er gar kein Candy
verkauft! Er mag ein teuflisches Chinese sein, aber er ist einfach
nur seinem Tagwerk nachgegangen!“ Ida Mae stellt sich mit Ihrem
lächerlichen Sandwichplakat neben den Doc.
„Du vertrocknete Schlampe! Dann
kriegst Du’s eben auch ab! Und der Azt, und der Säufer, Ihr alle!
Hört Ihr Mädels, wir-„ Zwei der WItches packen Angie an den Armen
und zerren Sie weg. „Ich krieg Euch alle! Ich wird Euch die Haut
von den Knochen schälen! Ihr seid tot! TOT!“ Die Witches schleppen
Sie in die Menge. Jennifer seufzt, dann zuckt sie mit den Schultern
und schaut mich müde an.
„Familie, eh. Kann man sich nicht
aussuchen.“ Dann wendet sie Ihr Pferd und trottet Ihrer keifenden
Schwester nach.
Dr. Hatch
Wo war ich da nur hineingeraten. Danny,
der anatomisch gewiss interessanteste der Gruppe, lehnte jede
Kooperation ab. Li ergoss sich weiter in wilden Geschichten, was für
Monstren sie schon begegnet sein wollten. Als wir dann in der
Apotheke diverse Raubtierzähne inspizierten, war er überrascht, das
es durchaus schon im Bereich des möglichen war, solche bei Menschen
zu implantieren. Zwar hatte ich selbst noch bei keiner solchen
Operation teilgenommen, aber ich hatte mal eine Tinktur zum
Nachwachsen von Zähnen hergestellt, die leider unabsichtlich ganz
ähnliche Resultate hervorbrachte.
Nun stand ich da, mit einem schwer
verwundeten Drogenhändler und einem nach Alkohol und Yellow Candy
stinkenden Arzt. Zum Glück hatte ich bei einem irischen
Bauernaufstand einige Erfahrung mit Peitschenhieben und deren
Behandlung gesammelt und noch die eine oder andere Tinktur dafür im
Täschchen, so das ich den guten Mann schnell wieder auf den Beinen
hatte.
Er dankte dann noch Li und mir für
unsere Hilfe und versprach uns, der eiserne Drache würde sich jetzt
um das Problem mit den WItches kümmern.
Das wiederum klang doch etwas ominös…
Nach dem Zwischenfall mit den Witches
und dem Chinesen verschwand Li dann auch, um einer Spur in Chinatown
nachzugehen. Ich hoffte, er würde diese Sache mit dem eisernen
Drachen glatt bügeln, denn nach Deeskalation hatte das nicht
geklungen, auch wenn der Chinese äußerst sanftmütig gesprochen
hatte.
Und damit war ich dann prompt wieder
allein. Ms Bluebird glänzte durch Abwesenheit, Li in Chinatown, und
Danny führte in seinem Zimmer Selbstgespräche. Mr. Brookes war bei
einem Geschäftsessen, und als die Nacht voranschritt und weder Li
noch Danny nach unten kamen, wurde es mir etwas mulmig.
Ich dachte nicht einmal daran, ohne
einen der beiden auf Patrouille zu gehen. Ich mache mir keine
Illusionen ob meiner Erscheinung. Ich mag als seriös gelten, Respekt
einflössend bin ich gewiss nicht. Zumindest nicht auf die Art und
Weise, wie eine raue Stadt wie diese es braucht. Die Zeiger tickten,
und der billige Sherry, der hier ausgeschenkt wurde, tat meinem Magen
nichts Gutes. Ich griff mir also eine Lampe und machte mich auf den
Weg zum Abort im Hinterhof – gerade rechtzeitig, um Zeuge des
zweiten Leichenfundes zu werden. Nur 5 Minuten vorher auf meine Blase
gehört, und eventuell hätte ich die Panik und den Menschenauflauf
vermeiden können, der sich jetzt innerhalb von Minuten um die kleine
Hütte bildete. Wortfetzen flogen mir zu
– Gott, beide Beine
– überall Blut
– eine von den Witches?
– Feinde haben sie ja genug
Als ich mich nach vorne geboxt hatte,
erkannte ich im Schein mehrerer Lampen die Handschrift des
Schlächters. Kopf und beide Beine chirurgisch präzise abgetrennt,
der Rest des Torsos wie eine kaputte Puppe in den Abort geworfen. Der
Revolvergurt mit der daran befestigten Peitsche bestätigte die
Vermutung der umstehenden. Eine der Wichita Witches. Und ich hatte
eine ungute Vorahnung, welche genau…
„Wo ist meine Schwester?“ Ich
schäme mich zu gestehen, das ich froh war, Jennifer Simkins Stimme
zu hören statt die Ihrer Schwester Angela. Mit Angela wäre jede
Hoffnung auf Verhandlung von vorne herein verloren gewesen. „Wo –
ist – meine Schwester?“ Sie trieb Ihr Pferd gnadenlos durch die
Menge auf das Häuschen – und mich – zu. Ich wollte mich gerade
diskret verziehen, als ich gegen eine nackte Männerbrust stieß. Ich
wich zurück, und sah mit mit eine Gruppe von 6 muskulösen Chinesen
konfrontiert, deren Oberkörper mit Tätowierungen sich windender
Schlangen – oder waren es Drachen – bedeckt waren. In Ihren
Händen funkelten Hackmesser und Dolche.
„Das nenne ich mieses Timing,
Gentleman.“ Der Anführer, ein beinahe glatzköpfiger Bursche von
den Ausmassen eines Kleiderschranks, sah mich abfällig an. Hinter
mir erklang ein Schrei, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Jennifer hatte Ihre Schwester gefunden.
„Wer hat sie gefunden? Wer hat das
getan?“ Ich bin immer wieder begeistert davon, wie schnell
Menschenmengen verschwinden können, wenn Ärger in der Luft liegt.
Ich wünschte, ich hätte diese Fähigkeit auch erlernt, denn so
stand ich plötzlich zwischen einer vor Wut und Trauer halb
wahnsinnigen Wichita Witch und einer Iron Dragon Rail Gang, die noch
nicht einmal wußten, wie das ganze hier jetzt aussah.
„Du – Doc – was ist hier
passiert. Und was stehst Du da bei den Chinks?“
„Ich, ähm, wissen Sie Miss, lassen
Sie mich erklären. Ich denke nicht, das diese Herren etwas damit zu
tun haben, denn Sie sind ebenso wie ich gerade erst-„
Ein Schuß ertönte, ich weiß nicht
woher, und der Schädel des Chinesen neben mir zerplatzte wie eine
Melone. Seine Gefährten zögerten nur Sekunden, dann warfen Sie sich
Messer schwingend auf die Witches, die ebenfalls Ihre Waffen zogen.
Die Schlacht brach los.
Gott muss seine Hand über mich
gehalten haben, denn obwohl ich Messer und Kugel um meine Ohren
pfeifen hörte, Blut mich besudelte und ich mindestens ein Dutzend
Schläge und Tritte einsteckte, schaffte ich es schließlich unter
die Veranda. Wahrscheinlich dauerte das ganze Gefecht nur wenige
Minuten, aber wie es so ist im Kampf, kam es mir vor wie Stunden.
Schließlich ertönten schrille Pfiffe, und eine Gruppe bewaffneter
Reiter galloppierte in die Strasse, angeführt von einem bulligen
Kerl mit einem Stern an der Jacke. Zurück blieben ein Dutzend
Körper, tot oder schwer verwundet, 3 Chinesen, 2 WItches, und 6
Unschuldige, die Gott wohl nicht so liebte wie mich. Angelas Leiche
war verschwunden. Anscheinend hatte Jennifer sie nicht zurück lassen
wollen, im Gegensatz zu Ihren anderen „Schwestern“.
Ich half, so gut ich konnte, bei der
Versorgung der Verletzten, und machte meine Aussage bei den
Hilfssherriffs. Ich verschwieg geflissentlich den Auslöser des
Kampfes, denn einer Nachforschung der Morde durch den Sherriff würde
ein ungünstiges Licht auf Mr. Brookes und mich werfen. Auch den
mysteriösen Schützen verschwieg ich. Die Deputies waren denn auch
zufrieden mit einer Schlacht zwischen Rail Gangs, wenn auch einer
überraschend heftigen.
Wie ich das ganze Mr. Brookes erklären sollte, war eine ganz andere Frage...