Tombstone zeigt welche Wahrheiten sich hinter der Wahrheit verbergen

Sünden der Väter

„…und basierend auf diesen Fakten ist die Existenz einer Rasse von sogenannten Hemophagen nicht nur wahrscheinlich, sondern meiner Meinung nach eine evolutionäre Notwendigkeit!“

Blitzlichter flammten auf, und unzählige Reporter begannen gleichzeitig zu schreien:
„Dr Hawkins, Ihre Verwicklungen in Apartment H…“
„Dr Hawkins, sind sie tatsächlich selber von Vampiren gebissen…“
„Was sagen Sie zu den Ergebnissen von Professor Styx und seiner…“
„Wie kommt es, das Ihre Geschichte zunächst in einem Schmierenblatt wie dem Epitaph…“

Jeff verließ das Podium und überließ die Geier dem PR Experten der Universität. Er ging schnellen Schrittes durch die Gänge des Psychologiegebäudes und erreiche schließlich sein Vorzimmer. Seine Sekretärin begrüßte ihn mit einem verschmitzten Lächeln.
„Haben Sie es überstanden?“
„Ja, zum Glück übernimmt Harvey die Kommentierung, so daß ich mich dem schlimmsten Rummel entziehen kann.“
„Ich fürchte, sie haben es noch nicht ganz geschafft“ sie zwinkerte ihm zu und deutete auf die halb geöffnete Tür seines Büros. Dahinter konnte er die Umrisse eines Damenschuhs sehen, der ungeduldig wippte. Der Rest der Gestalt war noch von der Tür verborgen, aber die milchkaffeefarbige Haut, die schreiend roten Schuhe und die Dreistigkeit, ihm in seinem Büro aufzulauern, ließen nur eine Schlussfolgerung zu.

„Carmen, wie schön, das Du mal wieder vorbei schaust. Ich habe Dich bei der Pressekonferenz vermisst.“
Carmen Sanchez-Sanchez, Top Reporterin des Tombstone Epitaph, schenkte ihm ein freches Grinsen.
„Ach weißt Du, das Thema Vampire ist irgendwie durch. Und meine Leser sind an wissenschaftlichen Hintergründen weniger interessiert als an den schmutzigen kleinen Details. Du weißt schon, waren die Opfer nackt, prominent, oder besser beides, so was in der Art.“
„Ja, und ich bin Dir dankbar, dass Du meinen Namen so unfassbar gut verändert hast. Professor H, ein anerkannter Parapsychologe der Universität Chicago – da wird bestimmt niemand auf mich kommen.“
„Ach komm, als ob Du Publicity scheuen würdest. Aber genug des Vorspiels – ich brauche Deine Unterstützung. Was sagst Du hierzu?“
Sie ließ einen Umschlag mit Fotoagrafien über seinen Schreibtisch gleiten. Die Art der Abzüge, die Beleuchtung und Markierungen auf dem Boden identifizierten die Bilder als Tatortaufnahmen.
„Das Opfer ist, Asiate, Mitte 20. Es hat offensichtlich einen Kampf gegeben, da ist deutlich zu viel Blut, um nur von Ihm zu sein, vor allem, da er nur wenige Wunden hat. Hm. Das ganze sieht merkwürdig aus. Einerseits ist seine ganze Front voller Kratzer auf der Brust – hier, tiefe parallele Furchen, fast wie von Hörnern, aber recht flach und an den Händen so etwas wie – Bißwunden? An Oberschenkeln und Unterleib gibt es Hämatome, wie von einem stumpfen gegenstand. Aber das hier scheint wohl die Todesursache zu sein.“
Jeff hielt ein Foto nach oben, das einen Pfeil im Rücken des Opfers zeigte.
„Und genau deswegen bin ich bei Dir. Was kannst Du mir zu dem Pfeil sagen?“
Jeff betrachtete die Fotografie näher und setzte seine Brille auf.
„Hm, da gibt es einige interessante Markierungen auf dem Schaft. Die Färbung der Federn ist auch recht auffällig. Allerdings müsste ich ihn näher-„
Eine Plastiktüte mit der Aufschrift „Evidence – Chicago Police Department“ klapperte auf seinen Schreibtisch. Jeff blickte Carmen über den Rand seiner Brille misstrauisch an.
„Ich frage besser nicht, woher Du die hast, oder?“
„Besser nicht – konzentrier Dich auf das Wesentliche. Was ist das für ein Pfeil?“
Jeff hielt den Pfeil ins Licht. Die Färbung der federn lässt auf Navajo schließen, vielleicht auch Salish. Die Markierungen auf dem Schaft haben aber nichts mit Stämmen zu tun, das ist etwas anderes. Er sprang auf und durchsuchte einige Referenzbücher, bis er schließlich mit einem dicken Wälzer zum Schreibtisch zurück kam.
„Hier ist es – ein sogenannter Weia Hoka. Diese Markierungen hier sind Anrufungen an verschiedene Manitus, um Stärke und Treffsicherheit zu erhöhen, und das Böse zu vernichten, das dieser Pfeil trifft. Das erklärt auch - “ er kratzte durch die Tüte etwas Blut von der Spitze „warum die Spitze mit Asche bedeckte ist. In vielen indianischen Stämmen wird weiße Asche von heiligen Bäumen als Mittel gegen das Böse benutzt.“ Er stützte sich auf den Schreibtisch, nahm seine Brille ab und sah Carmen in die Augen. „Was wir hier haben, ist ein Dämonentöter.“

Carmen klatschte aufgeregt in die Hände. „Das wollte ich hören, Jeff! Du bist ein Schatz!“ Sie sprang auf und küsste ihn auf die Wange. Sie stopfte den Pfeil in Ihre Handtasche und machte sich auf zur Tür. Im Türrahmen drehte sie sich kurz um. „Kommst Du?“

„Äh, wohin denn?“

„Na, Du willst doch bestimmt mal mit einem echten Geisterjäger sprechen. Komm schon!“


Jeff Hawkins blieb es schleierhaft, wie Carmen es immer wieder schaffte, Menschen so der Massen zu überrumpeln. Jetzt saß er im Besucherraum des Chicagoer Polizeireviers, getrennt nur durch eine Scheibe von einem geständigen Mörder.

„Mr Falcon, glauben Sie mir, wir haben nichts mit der Polizei zu tun. Und auch nicht mit dem FBI. Wir wollen nur Ihre Geschichte hören.“ Carmen hatte Ihr Telefon auf mitschneiden gestellt und redete jetzt intensiv auf den Mann vor Ihr ein. Er sah weder aus wie ein Mörder, noch wie ein Indianer. Er sah aus wie ein Buchhalter irischer Abstammung. Blass, rötliche Haare, eine Nickelbrille. Höchstens 1,60, untersetzt.

„Sie wissen, dass es schlecht für Sie aussieht. Man hat sie am Tatort aufgegriffen, mit einem Bogen, und zwei weiteren Pfeilen wie diesem.“ Sie hielt das Foto hoch. „Sie sind nur noch hier, weil man noch Ihre genealogischen Werte abwartet. Wenn sie als Indianer eingestuft werden können, brauchen die nicht mal eine Verhandlung, sondern sie landen direkt im Lager.

Der kleine Mann blickte zu Boden.

„Sie haben Mr Hsiang Tsung ermordet. Ich will nicht sagen, dass es den schlechtesten Menschen der Welt erwischt hat. Wenn ich mir das so ansehe, hat Mr. Tsung diverse Anklagen wegen häuslicher Gewalt hinter sich, und der einzige Grund, warum er das Sorgerecht hat, ist die indianische Abstammung seiner Mutter und sein Status als Bürger von Shiawase Computersystems.

Jeff ergriff das Wort

„Warum haben Sie ihn mit einem Weia Hoka getötet? Das ist mächtige Medizin.“

Die Augen des kleinen Mannes ruckten hoch. „Sie wissen, was das ist?“

Jeff nickte.

„Dann wissen Sie auch, wofür er gut ist. Es ist ein böser Geist unterwegs. Ein yee naaldlooshii, ein Hautwechsler. Und ich wollte ihn aufhalten.” Er vergrub sein Gesicht in den Händen. „Aber ich habe versagt!“

Jeff und Carmen schauten sich an. Carmen sprach zuerst.
„Naja, aber sie haben Ihn schon erwischt. Der Gute ist hin.“
„Aber nicht der naaldloshii. Ich war zu schwach. Er hatte schon einen neuen Körper. Der Hautwechsler kann in jeden fahren, dessen Blut er geschmeckt hat. Und dieser hatte Blut geschmeckt.“
Jeff wirkte irritiert. „Warum haben Sei dann seinen neuen Wirt nicht auch erwischt? Sie hatten doch noch weitere Pfeile, und das Opfer kann doch nicht weit gewesen sein?“
Carmen räusperte sich und zeigte Jeff ein Bild auf Ihrem Telefon.. „Weil das hier das Opfer ist…“





Carmen und Jeff standen auf dem Gang des Sacred Heart Hospitals und schauten durch das Fenster in ein Krankenzimmer. Ein kleines, rotblondes Mädchen verschwand beinahe in den dicken Decken. Ihre Arme und Brust waren bandagiert, und sie war sehr blass. Es war schon 22.00 - Jeff hatte die Nachtschwester überzeugen könne, das sie etwas länger bleiben durften.

Carmen las von Ihrem Telefon ab.
„Sally Tsung Whitefeather, 11 Jahre. Sie ist Pfadfinderin und singt im Kirchenchor. Sie ist das dritte von fünf Kindern. Mutter ist Emily Whitefeather, Navajo, deportiert ins Lage Chicago-Süd. Vater Hisang Tsung. Sie ist die einzige Überlebende von fünf Kindern - VITAS und die ersten Bombenanschläge der Sons of Raven. Und jetzt möglicherweise Wirtskörper für einen bösen Indianischen Geist.“

„Genaugenommen sind Naagloshi keine Geister. Es sind Hexen, die die Gestalt von Tieren annehmen können, indem sie sich Ihre Felle überziehen. Deshalb tragen die Navajo selbst kaum Felle, da sie mit diesen Hexen in Verbindung gebracht werden. “

„Und was tun wir jetzt?“

„Nun, zunächst schauen wir nach, was heute Nacht passiert. Der Naagloshi scheut die Sonne, da sie zeigt, dass er keinen Schatten wirft. Deshalb wechselt er – oder sie – seine Gestalt steht’s im Dunkel. Dazu wirft er das Fell eines Tieres über und macht sich dann auf die Jagd.“

„Und mal angenommen, die kleine Sally ist unser Naagloshi?“

„Das glaube ich kaum. Die Geschichte unseres Mr. Falcon hat nämlich einen Haken – Naagloshi sind keine Werwölfe. Sie werden nicht durch Biss übertragen oder Blut. Sie sind böse Zauberer. Sie können allerdings die Gestalt derjenigen annehmen, die ise gesehen haben.“

„Also könnte sie es doch sein? Und was dann?“

„Dann haben wir ein Problem. Es heißt, der Naagloshi sei so schnell, das man ihm aus einem Schritt Entfernung ins Gesicht schießen kann und dennoch nicht trifft. Einzig ein Pfeil oder eine Kugel bedeckt mit der weißen Asche des heiligen Baums kann ihn töten, nachdem man seinen wahren Namen offenbart hat. Das zwingt Ihn, sein Fell abzuwerfen, und dann ist er verwundbar.“

„Und du willst einem 12jährigen Mädchen ins Gesicht schießen?“

„Das meinte ich mit dem Problem…“


„Irgendwie passt das alles nicht zusammen.“
Carmen gähnte und streckte sich.
„Es ist jetzt beinahe ein Uhr. Ich hole uns noch einen Kaffee, sonst halte ich die Nacht nicht durch.“
Jeffs Kopf ruckte hoch – auch er war schon beinahe weggenickt. Er schaute Carmen noch einen Moment hinterher, dann schaute er wieder hinüber zu Sally. Der Raum lag ihm Schatten, nur wenig Mondlicht und die Notbeleuchtung des Krankenhauses erhellten ihn. Trotzdem schien etwas anders zu sein. Irgendetwas fehlte. In dem offenen Schrank neben Sallys Bett hatte eine Jacke gehangen, eine schwere gefütterte Lederjacke. Er stand auf und ging zum Fenster, um genauer nachzusehen. Als er am Fenster stand, schlug plötzlich die Tür des Zimmers auf und schlug mit einem lauten Klirren gegen die Wand. Irgendetwas huschte an Ihm vorbei, ohne das er es erkennen konnte.

Er wirbelte herum. Etwas klapperte über den Boden – Carmens Absätze? Falsche Richtung! Er hastete den zwielichtigen Gang entlang. Ein Tür klappert. Als Jeff sie erreicht, fällt sie gerade ins Schloss.
Noch einmal atmet er tief ein, stützt sich an der Wand ab – und reißt die Tür auf.

Ein kreischendes etwas trifft ihn in der Körpermitte. Jeff taumelt, geht zu Boden. Krallenartige Nägel zerren an seiner Jacke. Etwas spitzes, hornartiges schabt seine Rippen entlang. Verzweifelt greift er nach seinem Angreifer, spürt Fell. Er zerrt daran, und erkennt grüne Augen, die ihn haßerfüllt anstarren. Kurze Arme versuchen, seine Augen zu erreichen, sein Unterleib wird mit Tritten malträtiert.

Sally! Sally Tsung Whitefeather! Wach auf!“ Scharfe Zähne graben sich tief in sein Handgelenk, bis Blut fließt. Verdammt, einmal hätte das ja klappen können mit dem wahren Namen. Er reißt seine Hand los und stößt das Kind von sich, das auf allen vieren unter einem Bett verschwindet. Rückwärts rutscht Jeff an die Wand, hält sein blutiges Handgelenk.

Tierhaftes Knurren und – Blöken tönt unter dem Bett hervor, dann schießt Sally nach vorne, die Hände klauenartig ausgestreckt. Die riesige Lederjacke bläht sich auf wie Flügel. Er kann das Kind gerade noch packen, aber das Kind schlägt, beißt und kratzt mit unbändiger Kraft um sich. Jeffs verletzte Hand gibt nach, und eine Kinderhand reißt ihm blutige Furchen in die Wange. Nur Zentimeter von seinem Auge entfernt. Ein harter Tritt in den Unterleib treibt ihm die Tränen in die Augen.

„Das reicht, Elisabeth Falcon!“ Zwei kaffebraune Hände reißen das Kind zurück.. Als der Name ertönt, erschlaffen die Züge des Kindes, und es rutscht völlig knochenlos aus der zu großen Lederjacke. Auf dem Boden liegt ein kleines, unschuldiges Mädchen.

Carmen betrachtet kurz die Jacke, bevor sie sie weit weg von Sally auf eine Pritsche wirft. „Schafsfell. Du bist beinahe von einem Werschaf ermordet worden.“ Jeff lässt erschöpft seinen Kopf hängen.
„Kannst Du in deinem Artikel wenigstens einen Hund daraus machen? Mein Ruf ist eh schon arg ruiniert.“
„Mal sehen. Vielleicht lasse ich auch Dich darauf kommen, das Sie Falcons Tochter ist. Meine Leser mögen den heldenhaften Parapsychologen sooo gerne.“ Sie zwinkerte mir zu.
„Wieder bleibt die Frage – was machen wir jetzt?“ Gemeinsam schauten sie zu Sally, die ängstlich auf der Pritsche hockte.

„Ich werde sie mitnehmen. Ich weiß, wie ich mit dem Fluch umgehen kann.“ Falcon saß oben auf einem Fenstersims, in der Hand einen Umhang aus Federn. Geschmeidig ließ er sich zu Boden fallen.
„Wenn wir uns von Fellen und Federn fernhalten, passiert uns nichts. Es ist zwar in den letzten Jahren stärker geworden, aber Den Geistern sei Dank gibt es sowieso kaum noch echte Felle. Ich verspreche, ich werde Sie von all diesen Dingen fernhalten.“
„Und wenn das nicht reicht?“ Wenn doch etwas passiert und Menschen zu Schaden kommen?“ Carmen sah Ihn herausfordernd an.

Falcon ließ den Kopf hängen. Dann riss er zwei Federn aus dem Umhang, und stach mit den Kielen erst sich selbst, dann Sally in den kleinen Finger. Er reichte die Federn Carmen.
„Mein voller Name ist Nicholas Bartleby Falcon. Den Namen meiner Tochter kennt Ihr. Wenn einer von uns einem Menschen schaden sollte, sollt Ihr uns finden und mit einem Pfeil durchbohren, der diese Feder trägt. Ihr kennt nun unsere Namen, kein Fell kann unsere wahre Gestalt vor Euch verbergen.“ Er schaute ernst erst in Carmens, dann in Jeffs Augen.
„Ich vertraue Euch unser Leben an. Ich bitte Euch, weise damit umzugehen.“

Dann nahm er seine Tochter bei der Hand und schritt langsam mit Ihr den Gang hinunter.

Carmen starrte lange Zeit die blutigen Federn in Ihrer Hand an, bevor Sie sie in Ihrer Handtasche verschwinden ließ. Jeff räusperte sich. „Aähm, ich würde diese Federn schon gern untersuchen, Du weißt schon, im Namen der Wissenschaft..“

Sie hakte ihn unter und schritt schnurstracks den Gang hinunter, fort von den Falcons. „Das hängt schwer davon ab, wohin Du mich jetzt ausführst. Ich denke Dein Leben und Dein Ruf sollten schon mindestens ein Fünf Sterne Dinner wert sein. Lass Dir was einfallen, wie Du das noch steigern kannst, wenn Du die Federn auch noch haben willst.“


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