Der Anruf riss Jennifer aus unruhigen
Träumen. Die Bilder Ihres Abstiegs in die Hölle würden Sie
wahrscheinlich nie mehr wirklich verlassen, aber Schlaftabletten
halfen.
Träge griff sie nach dem schwer
modifizierten Telefon an auf Ihrem Nachttisch, das sichere
Verbindungen zu Ihren diversen Kontakten ermöglichte.
Sie aktivierte das Telefon und wartete
– schon lange gab sie keine Informationen mehr Preis, wenn es nicht
nötig war.
„Jennifer? Bist Du das? Ich bin’s
Bear. Ich brauche Deine Hilfe.“
Sie erstarrte – die Stimme, der Name,
all das trug sie zurück in eine Zeit, die sie eigentlich hinter sich
lassen wollte.
Februar, 2003 Norwegische Küste,
100 Km nördlich von Bergen.
Bear und Jennifer lagen zusammen mit 4
anderen Greenpeace Aktivisten im Schutz eines Tarnnetzes. Jennifer
spähte durch ein Fernglas, während Bear seine Augen mit der Hand
schützte.
„Du hattest, recht, Bear. Das ist
keine Geothermalanlage. Die Hitzewerte stimmen nicht im Geringsten –
da geht irgendwas anderes vor.“
„Tierversuche – ich sage Dir, sie
experimentieren an Walen. Wir haben Ihre Schiffsbewegungen seit
Monaten erfolgt. Sie haben lebende Wale da reingeschleppt.“
Er griff nach Ihrer Hand. „Wir müssen
etwas tun – ich spüre Ihr Leiden!“
Jennifer ließ das Fernglas sinken und
sah ihn an. Sein wettergegerbtes Gesicht mit den tiefliegenden,
dunklen Augen, in denen so viel Schmerz stand. Die langen, dunklen
Haare, zu einem Zopf zusammengebunden, die sie so gerne auf Ihrem
Gesicht spürte.
„Es wird gefährlich, Bear. Die
Wachen dort haben automatische Waffen. Wem auch immer diese Anlage
gehört, er versteht keinen Spaß.“
„Es tut mir leid, dass ich Dich darum
bitten muss – aber ich kann es nicht ohne Dich.“
„Dann los!“
Der Zaun war kein Problem – sie
musste eine Kamera ausschalten und ein paar Berührungssensoren
überbrücken, dann konnten Ihre Leute das Loch schneiden. Sie
schätzte, das sie 15 Minuten hatten, bevor eine Patrouille wieder
hier vorbei käme, und mit Glück würden Sie die Öffnung nicht
einmal bemerken.
Sie führte Ihre kleine Gruppe zu dem
großen Gebäude, das auf Luftaufnahmen wie ein Kraftwerk aussah. Die
Tür war Passwortgeschützt, aber sie kannte das Modell und konnte
mit wenigen Handgriffen den Fehlersuchmodus auslösen und dann mit
der Werks-ID die Tür öffnen. Die Tür öffnete sich mit einem
leisen Klicken.
„Habt Ihr die Kameras bereit? Wir
haben nicht mehr viel Zeit.“
Einer der Aktivisten hob den Camcorder,
und den Daumen der anderen Hand.
Sie huschten durch neonerhellte Gänge,
die irgendwie klinisch anmuteten. Sie passierten diverse Türen mit
Warnzeichen für Biologische Gefahrenstoffe, aber Ihr Ziel war
weiter unten. Diese Anlage hatte einen Zugang zum Meer, und sie zog
sich bis tief in die Klippen des Fjordes - das musste einen Sinn
haben.
Schließlich mussten Sie eine letzte
Tür überwinden – Jennifer lächelte darüber, wie gut viel
einfacher es Ihren Job machte, wenn Konzerne Ihre Schlösser alle vom
selben Hersteller kauften.
Die Tür, schon eher ein Tor, öffnete
sich auf einen metallenen Steg über einem gewaltigen Raum. Das
Rauschen des Meeres gelangte an Ihre Ohren, und tatsächlich öffneten
sich unter Ihren Füßen der Raum in eine gewaltige Höhle,
durchspült von den Wellen der Nordsee.
In diesem Moment erklang ein
langgezogener, trauriger Ruf – ein Geräusch, so voller Leid und
Schmerz, dass er sie unmittelbar ins Herz traf.
Das Wesen, das diesen Ruf von sich gab,
lag angekettet in der Mitte des Beckens. Unzählige Kabel, Leitungen,
Röhren und Schläuche durchzogen das Gezeitenbecken und trafen auf
die gräuliche Haut des Wals, drangen in seinen Körper und seinen
Kopf ein wie gierige Saugrüssel eines mechanischen Insekts..
Unzählige Maschinen, Computer und Gerätschaften bedeckten den Rand
des Beckens, und metallische Stege führten über den Körper hinweg
und um Ihn herum.
„Das ist – das ist –“ Der
Kameramann murmelte unzusammenhängend. Das Ausmaß des Grauens war
nicht in Worte zu fassen. Jennifer schüttelte den Kopf. Auch wenn
Sie selber keine Ökoaktivistin war wie Bear, das da unten war eine
Vergewaltigung der Natur. Dieses Video würde dem Treiben ein Ende
machen, wer auch immer die Hintermänner hinter Thermal Dynamics, Inc
waren.
Ein Scheppern unter Ihr ließ Sie
aufschrecken.
„Oh Nein…“ Sie erblickte Bears
Gestalt, der sich über einen der Stege der Maschinerie näherte, die
den Wal festhielt. Sie schüttelte den Kopf.
„Ihr drei macht, dass Ihr hier
rauskommt. Was auch immer passiert, der Film muss an die
Öffentlichkeit. Ramirez, Du bleibst hier und piepst mich an, wenn
Irgendwer kommt. . Was immer Bear da unten vorhat, wir müssen Ihm
den Rücken decken. Wenn Bear nur nicht diesen Old Way Unsinn im Kopf
hätte, dann würde er auch ein verdammtes Funkgerät tragen!“
Ramirez nickte und tippte an das Gerät
an seiner Brust.
Geschmeidig ließ Jennifer sich am Steg
herab – Ihre Landung auf dem Steg darunter machte beinahe kein
Geräusch. Geräuschlos huschte Sie hinter Bear her, der inzwischen
auf den Steg zum Kopf des Wales geklettert war. Er stand nahe bei
Auge des Tieres und legte seine Hand auf die Haut. Sein Kopf war
gesenkt, und seine Schultern zitterten.
„Bear“ zischte Jennifer. Was
treibst Du hier?
„Sie hat Angst, Jenny. So große
Angst. Er öffnete die Augen und stellte sich vor das gewaltige Auge
des Meeressäugers. „Hab keine Angst, Schwester – wir holen Dich
hier raus.“
„Bist Du Irre? Wie sollen wir denn
einen WAL hier raus schaffen! Wir haben die Aufnahmen, die Anlage
hier ist geliefert. Innerhalb von Tagen werden sie die Bude hier
dichtmachen.“
„Und was glaubst Du, was sie mit Ihr
machen?“
Jennifer schwieg.
„Komm, ich glaube, wir müssen nur
diese größeren Kabel entfernen, dann müsste Sie sich losreißen
können. Sie haben Sie unter Drogen gesetzt, aber ich denke, ich kann
zu Ihr durchdringen und sie wecken.“
Ein paar Minuten sah es aus, als könnte
der Plan sogar funktionieren. Bear und Jennifer fanden die
Verankerungssystem für die größeren Stahlkabel und schafften es,
8, der 12 die Mechanismen zu lösen, als Ihr Funkgerät knisterte.
„Jenny, da kommt – argh“ Der
Schrei wurde übertönt vom trockenen Husten einer automatischen
Waffe. Jennys Blick ruckte nach oben und sah gerade noch Ramirez
Körper in einer Kistenablage aufschlagen. Auf dem Steg stand ein
Wachmann, eine rauchende Waffe in der Hand.
„Verdammt – Bear, du kümmerst Dich
um die Verankerungen – ich versuche den Typ abzulenken!“
Mit einem Satz hechtete sie hinter eine
Ansammlung komplexer Maschinen. Sie griff in einer Ihrer Beintaschen
und griff sich eine Ihrer „Shit hits the fan“ Überraschungen.
Sie stellte den Time auf 2 Sekunden, warf das Paket nach oben und
sprang dann mit geschlossenen Augen auf.
„ich ergebe mich, nicht schießen!“
Der Wachmann blickte genau rechtzeitig in Ihre Richtung, um die volle
Ladung der Blendgranate abzubekommen.
„Der schießt für mindestens eine
Minute nicht mehr.“ Murmelte sie zu sich, während sie schon auf
dem Weg zur nächsten Tür in den Hangar war. Mittels eines
Thermitstiftes zerschmolz sie die Scharniere der Tür innerhalb
weniger Sekunden, so das von hier definitiv keine Verstärkung kommen
würde. Aber es gab einfach zu viele Zugänge. Auf der anderen Seite
des Wals Hörte sie eine Tür auffliegen, gleichzeitig ertönten
plötzlich Alarmsirenen und diverse gelbe Scheinwerfer blinkten ins
Leben.
„Noch zwei Anker“ ertönte es von
der Seite des Wals. Ein weiteres, langgezogenes Seufzen oder Jaulen
kam von dem Tier. Träge bewegte sich seine Schwanzflosse, und
diverse Anschlüsse rissen ab.
Jennifer setzte wie eine Hürdenläuferin
über diverse Tische und Apparaturen. Unterwegs zog sie Ihre Walter
PPK aus dem Hüfthalfter. Erste Schüsse ertönten von der anderen
Seite des Wals, aber dem Fluchen nach zu urteilen hatte noch niemand
Bear getroffen.
Stattdessen hörte sie ein Grunzen,
einen Aufschrei und ein gewaltiges Scheppern. Als sie den Raum soweit
umrundet hatte, sah sie einen Wachmann unter einem Tisch begraben,
den Bear durch die Luft gewuchtet hatte.
Nach einem kurzen Lagecheck zielte sie
und drückte dreimal ab. Die Seite der Halle wurde deutlich dunkler,
nachdem sie die zentralen Scheinwerfer zerschossen hatte.
„Noch einer, Jenny. Komm rauf hier.“
Verwundet wandte sie sich um. Bear
stand oben auf dem Wal, nah des Spundlochs, und hatte einen
gewaltigen Bolzenschneider über der Schulter.
„Das ist nicht Dein Ernst, Bear.“
Schüsse pfiffen um seinen Kopf, und er duckte sich herunter.
„Sie bringt uns hier raus, keine
Sorge. Es gibt noch genug Schläuche zum fest halten.“
„Ich glaube das einfach nicht“,
murmelte Jennifer und hastete über die Stege in Richtung des Wals.
Eine kurze Steigung später kauerte sie neben Ihm auf dem Rücken des
Meeressäugers.
„Hilf mir, dieses Kabel hier ist
widerspenstig.“ Er deutete auf einen letzten, unterarmdicken
Kabelstrang, in den sich der Bolzenschneider verbissen hatte. Er
legte sich gegen einen der Arme, Jennifer lehnte sich gegen den
anderen.
„Wenn wir das hier überleben, bringe
ich Dich um, Bear.“
„Und ich gehe mit Freuden in die
ewigen Jagdgründe ein! Nun drück!“
Sie legten Sich beide mit vollem
Gewicht gegen den Bolzenschneider, und quälend langsam fraßen sich
die Schneiden tiefer in das Kabel. Plötzlich explodierte ein
brennender Schmerz in Jennys Unterschenkel – mit einem quälenden
Schrei rutschte sie ab.
Der Rücken des Wals war rutschig, und
ausgerechnet in Ihrer unmittelbaren Umgebung gab es nichts zu greifen
– das konnte doch nicht – eine Hand schloss sich um Ihren
Unterarm und stoppte Ihren Fall.
„So leicht kommst Du mir nicht davon,
Jenny!„ Bear hing mit einem Arm an einem Kabelgewirr, der andere
Hielt sie fest.
„Und jetzt? Das Kabel ist nicht
durch!“
„Nun, dann muss unser Mädchen den
Rest alleine machen.“ Bear schloss die Augen und konzentrierte
sich. Sie sah, wie sich seine Lippen bewegten, als würde er irgend
etwas singen, was sie nicht hören konnte.
Ein Beben ging durch den Körper des
Wals. Ein weiteres, klagendes Heulen kam aus dem Spundloch, und jetzt
konnte Jenny diesen Ruf mit Ihrem ganzen Körper spüren.
Der Wall bäumte sich auf. Mit
ohrenbetäubenden Knall und Sirren zerriss das letzte Haltekabel, und
unzählige andere Verbindungen rissen aus Halterungen. Also der
Körper des Wals wieders ins Wasser klatschte, überflutete er die
halbe Höhle mit einer gewaltigen Welle und riss die letzten
Wachleute von den Beinen. Bears Finger gruben sich tief in Jennys
Arm.
„Mach Dich auf eine wilden Ritt
gefasst!“ brüllte er zu Ihr herüber, und dann versank die Welt in
Schaum und Fluten, als der Wal sich herumwarf und auf den Weg in die
Freiheit machte.
Jennifer und Bear zitterten gemeinsam
unter der Schutzdecke, die Ihre Greepeacefreunde über sie gelegt
hatten. Jennifers Finger klammerten sich um den Metallbecher mit
heißem Tee, während Sie den Wal in der Ferne verschwinden sah. Ein
letztes Mal erhob sich die gewaltige Finne wie zum Gruß, bevor sie
im Meer verschwand.
„Meinst Du, sie schafft es? Mit all
diesem Mist in Ihr drin?“
„Ich glaube schon – sie ist ein
starkes Mädchen, und tatsächlich schienen diese Monster sie
einigermaßen gesund gehalten zu haben. Sie hatten wohl noch lange
was mit Ihr vor. Und selbst, wenn nicht. Ein Tod in der Freiheit ist
allemal besser als diese Folter.“
„Sie haben Ramirez erschossen, Bear.
Ich weiß nicht, wo das alles noch hinführen soll. Parks hat über
einen Gegenschlag gesprochen, und es gibt einen Haufen Leute die
meinen, mit Filmen und Propaganda allein kommen wir nicht weiter.“
Bear war einen Moment still. „Wenn
das Ihr Weg ist, dann sollen Sie ihn einschlagen. Mein Volk hat sich
in der Vergangenheit immer wieder mit Waffengewalt gewehrt, aber hat
uns das den Sieg gebracht? Ich glaube nicht an Gewalt, Jenny.“
Jennifer schwieg, und sie schmiegte
sich unter der Decke an Bear, um seine Wärme zu spüren. Sie wollte
jetzt nicht an die Zukunft denken. Sie wollte glauben, das Sie heute
etwas erreicht hatten, etwa Gutes. Wer weiß schon, was der Morgen
bringen würde?
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